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Die Kunst des (Zu)hörens

Als Kinder lernen wir sprechen, als Erwachsene sollten wir lernen zuzuhören.“ Unbekannt

Kürzlich bei einem Fest versuchte ich vergeblich, der Geräuschlawine während des Mittagessens aus dem Weg zu gehen. Leider war es aus verschiedenen Gründen unmöglich, ihr zu entkommen, und ich quälte mich durch mannigfache Geräuschfetzen, Tischgespräche und Livemusik zur gleichen Zeit. Hinterher war ich mental sehr erschöpft und der Körper voller Spannungen.

Tagtäglich dringen so viele Geräusche an das Ohr und drängen in unser Gehirn. Es gibt dort keine Türen, die wir verschließen könnten. Die Ohren sind offen, selbst wenn wir schlafen, und die einzigen Wächter des Gehörgangs sind wir. Aber wir können auch nur bedingt kontrollieren, was wir an unser Ohr lassen. Natürlich können wir uns dazu entscheiden, nicht zum Rockkonzert zu gehen oder dort ganz vorne neben den Lautsprechern zu stehen. Aber besonders innerhalb der Familie gibt es tägliche Wortströme und Geräuschlandschaften, denen wir nicht entkommen können.

Lärm oder Melodie?

Geräusche und Klänge können angenehm sein, berührend und erhebend. Sie können auch eine große Belastung werden, wenn sie eine gewisse Lautstärke oder Dauer überschreiten. Die Menschen sind natürlich unterschiedlich in ihrer Toleranzgrenze. Die Hörmeditation nimmt die Geräuschkulisse als Objekt der Aufmerksamkeit, um im Hier und Jetzt anzukommen. Jedes Geräusch, jeder Klang, entsteht und vergeht, und wir können das wahrnehmen in seiner Ganzheit und dabei versuchen, keine Herkunft erraten oder eine Bewertung vornehmen zu wollen („Katze“, „Regen“, „Schreien“). Das ist sehr schwierig und äußerst lehrreich, denn es macht uns deutlich, wie besessen unser Gehirn davon ist, Dinge (Geräusche) einzuordnen und zu bewerten.

Anderen Menschen zuhören

Für unsere zwischenmenschliche Kommunikation ist das Hören fast unerläßlich. Natürlich gibt es Mittel und Wege, sich zu verständigen, wenn das Gehör nicht funktioniert. Doch es scheint, als sei das Zuhören auch in der Welt der hörenden Menschen keine Selbstverständlichkeit. Kennt ihr das, wenn ihr versucht, euren Kindern etwas mitzuteilen, und sie stellen auf Durchzug? Oder die Freundin sagt zwar, sie würde zuhören, ist aber gelangweilt und gedanklich fast sichtbar schon beim nächsten Termin? Oder aber ihr wollt einfach nur loswerden, was euch auf der Seele brennt, und das Gegenüber relativiert eure Gefühle („Das ist doch nicht so schlimm!“) und unterbricht euch mit gut gemeinten, aber unerwünschten Ratschlägen? Es gibt tagtäglich so viele Momente, in denen Worte zwar gehört, aber nicht verstanden werden oder in denen das Gegenüber mental ganz woanders ist.

Wahres Zuhören

Wahres Zuhören ist ein großes Geschenk, das uns nährt und miteinander verbindet. Wahres Zuhören erkennt und erlaubt Gefühle und Bedürfnisse hinter den Worten. Wahres Zuhören gibt Zeit und Raum für die ganze Geschichte, und wahres Zuhören vermeidet Ratschläge und Zurechtweisungen. Wir sind so gewöhnt daran, uns mit unserer Meinung zu beteiligen, dass wir oft gar nicht merken, was der andere eigentlich gerade braucht. Wahres Zuhören erlaubt auch die Wahrnehmung eigener Gefühle und Resonanzen, ohne sie abwehren zu müssen. Wenn ein Kind traurig ist und davon erzählt, dann können wir versuchen, mit Mitgefühl zuzuhören („Das ist schwer.“), ohne es mit Schokolade oder Fernsehen abzulenken. Wenn ein Partner ein Problem anspricht, dann können wir versuchen, seine Sichtweise und unsere Gefühle anzuerkennen, ohne uns direkt verteidigen zu wollen. Wenn eine Freundin eine gute Nachricht erhalten hat und sich uns voller Freude mitteilt, können wir versuchen, uns mit ihr zu freuen und unser Herz zu öffnen, ohne den eigenen Gefühlen von Neid und Enttäuschung („Warum nicht ich?!“) nachzugeben.

Wenn uns bewusst wird, dass nach dem reinen Hören von Geräuschen und Worten unser Gehirn selektiert, eine Meinung bildet, interpretiert und bewertet und dadurch Gedanken und Emotionen auslöst – erst dann können wir eine klare Wahl treffen, wie wir auf das Gehörte eingehen. Nur dann können wir uns entscheiden, wie wir auf das laute Autoradio, unzufriedene Kinderstimmen oder eine Kritik vom Chef antworten.

 

Wahrhaftiges Zuhören ist eine Kunst

Wenn ich dich bitte, mir zuzuhören
Und du fängst an, mir Ratschläge zu erteilen,
dann hast du nicht getan, worum ich dich gebeten habe.

Wenn ich dich bitte, mir zuzuhören
Und du fängst an, mir zu sagen,
weshalb ich mich nicht so fühlen sollte,
dann trampelst du auf meinen Gefühlen herum.

Wenn ich dich bitte, mir zuzuhören
Und du meinst, du müsstest etwas tun,
um meine Probleme zu lösen,
dann hast du mich im Stich gelassen.

Also bitte, höre einfach zu, höre mich an.
Und wenn du reden möchtest,
warte ein paar Minuten,
bis du an der Reihe bist,
und ich verspreche dir, ich werde dir zuhören.

Leo Buscaglia

(Übersetzung: Berenice Boxler)

P.S.: Am 10. November gibt es einen Workshop zum Thema „Achtsame Kommunikation“ in der Epicerie am Duerf in Schrondweiler. Mehr Informationen und Registrierung hier. 

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Nicht-Wissen

Es ist ein Tag wie jeder andere. Die Routine bestimmt den Tagesrhythmus. Aufstehen, frühstücken, die Kinder versorgen und in die Schule bringen, arbeiten, die Kinder abholen, zum Schwimmunterricht bringen oder was sonst so ansteht. Jeder Tag ist irgendwie ähnlich und doch natürlich einzigartig. Es ist eine endlose Abfolge von Pflichten und Aufgaben, erfüllten oder unerfüllte Wünschen, Verlangen und Vermeiden, sich gut fühlen und verärgert sein. Das ist das Leben. Jeder Mensch reitet täglich auf der Achterbahn der Gefühle, angetrieben vom Getriebe der Gedankenfabrik.

Kürzlich geriet eines meiner Kinder in einen emotionalen Strudel voller Wut und Aggressivität und es dauerte sehr lange, die heiße Phase zu überstehen, nach der es physisch keinen mehr angriff, sondern nur noch für sich wütete. In der Zeit des Sturms versuchte ich, mit Achtsamkeit, Mitgefühl und Freundlichkeit zu agieren, mal mehr und mal weniger erfolgreich. Ich bemerkte meine eigene Wut, doch ließ die Situation keine Zeit für Pausen, für Durchatmen – und es entstand ein Teufelskreis aus sich steigernder Wut und Unverständnis und Hilflosigkeit. Es war sehr schwierig, für alle Beteiligten.

Die Herausforderung „Nicht-Wissen“

In der Reflexion wurde mir dann klar, was der eigentliche Grund für meinen Ärger war: Ich wusste nicht, was der Auslöser für mein Kind gewesen war oder was dahintersteckte. Daher wusste ich auch nicht, was ich tun kann, um es zu stoppen. Der Sturm kam wie aus dem Nichts, ohne dunkle Wolken oder Donnergrollen, und überrollte uns alle. Und anders als zuvor konnte ich nichts tun, konnte ich es nicht verstehen. Es wird sicher nicht das einzige Mal bleiben… Das Schwierigste in dieser Situation war für mich das Nicht-Wissen. Nicht zu wissen, woher es kam. Nicht zu wissen, wie ich an mein Kind herankomme. Nicht zu wissen, wie ich helfen kann.

Der innere Drang, ein Problem zu durchschauen oder eine Lösung zu präsentieren, ist oftmals so stark, dass wir in einen Tunnelblick geraten. Dabei geht es eigentlich darum, dass es so schwierig und unangenehm ist, mit dem Nicht-Wissen zu sein. Gefühle der Ohnmacht oder des Versagens überfluten uns, und aus der Unfähigkeit, damit zu sein, erzeugen wir Ärger und richten unser Unbehagen nach außen.

Vertrauen in unsere Fähigkeiten

Achtsamkeit lehrt uns, dass es in uns etwas gibt, das mit allem sein kann, was das Leben uns bietet – ob Traurigkeit, Freude, Schmerz, Ärger oder eben auch Ohnmacht. Genauso, wie wir Körperempfindungen, Gedanken oder Emotionen beobachten können, können wir auch lernen, mit Unangenehmen zu sein. Es ist nicht schön, sich hilflos zu fühlen. Es ist nicht angenehm, ratlos zu sein oder sich als Versager zu fühlen. Doch wir können üben, auch das als ein Teil des Lebens zu erkennen, der vorübergeht, wie alles im Leben sich ständig ändert. Mit dem Nicht-Wissen zu sein, ist eine große Herausforderung, aber es ist möglich.

Wir können erkennen, dass wir nicht immer Lösungen suchen oder eine Schwierigkeit erklären müssen. Wir können den Liebeskummer der Kinder nicht kleinreden. Wir können die Tränen einer trauernden Person nicht abstellen. Wir können die Stürme des Lebens nicht verhindern. Wir können nicht immer den Überblick haben. Manchmal können wir nichts anderes tun, als einfach da zu sein – für die anderen und für uns selbst. Eigentlich ist es meistens genug, einfach nur da zu sein.

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Körperbewusstsein

Ein Tag folgt auf den anderen. Wir stehen auf, machen uns zurecht, gehen zur Arbeit, wir essen mehrmals am Tag, wir sitzen am Computer, an Schreibtischen, auf Stühlen und im Bus. Abends machen wir es uns gemütlich auf dem Sofa, ehe wir ins Bett gehen. Vieles wiederholt sich, natürlich ist jeder Tag anders und doch irgendwie ähnlich. Das ist Routine, das ist Alltag. Wir leben und verbringen die Tage.

Eines Tages machen wir eine falsche Bewegung und es schmerzt im Rücken, vielleicht erwischt uns eine Erkältung und wir schnupfen und husten uns durch den Tag, oder die Migräne schlägt zu. Und ganz plötzlich ist er da, ganz präsent im Bewusstsein: der Körper. Unser Körper, der nicht mehr einwandfrei funktioniert. Wir sind verärgert und frustriert. „Ausgerechnet jetzt, vor dem wichtigen Termin!“ „Nicht schon wieder…!“ Wir greifen zu Medikamenten oder versuchen uns zu schonen, obwohl wir doch eigentlich keine Zeit dafür haben.

Hört sich das bekannt an? Mein Körper meldet sich zuverlässig am Ende des Tages. Manchmal bin ich erschöpft, verspannt oder dehydriert. Manchmal habe ich Schmerzen vom vielen Sitzen. Oft sagt mein Körper mir auch, dass er heute nicht die Nährstoffe bekommen hat, die er benötigt hätte, um mein Arbeitspensum zu absolvieren. Es passiert mir regelmäßig, dass ich den Körper und seine Bedürfnisse einfach vergesse.

Ein Leben im Kopf

Oft leben wir nur im Kopf, nur in den Gedanken. Wir vergessen oft ganz, dass wir mehr sind als ein Kopf und ein paar Hände. Die Füße bringen uns von A nach B, aber wir bekommen es oft gar nicht mit. Unser Mund isst, und der Bauch füllt sich, aber wir sind oft total abgelenkt und essen über unser Völlegefühl hinweg. Wir atmen ständig, aber merken wir das überhaupt?

Es ist nicht einfach. Eigentlich wissen wir, was gut für uns ist: genug Bewegung, gesund essen, lange schlafen, regelmäßige Auszeiten. Nur, was heißt das im Detail? Und wie soll das möglich sein im hektischen Alltag? Oft entsteht ein Teufelskreis: zu viel Arbeit ⇒ das Sportprogramm fällt aus ⇒ der Körper wird müde und träge ⇒ zu viel Kaffee und Verlangen nach Zucker und „comfort food“ ⇒ das macht noch träger ⇒ Sport fällt immer schwerer, selbst wenn einmal Zeit dafür wäre.

Zu wissen, was gut für einen ist und es auch zu tun, sind zwei ganz verschiedene Bereiche. Schnell verlieren wir das Gefühl für unseren Körper und das Vertrauen in uns selbst. Aber um ein Leben in seiner Ganzheit führen zu können, müssen wir auch alles an uns wahrnehmen, und das schließt den ganzen Körper ein.

Die Weisheit des Körpers

Der Körper ist sehr weise: er sagt uns oft, wie es uns geht, bevor es uns gedanklich klar wird. Er ist ein Frühwarnsystem für Stress und unangenehme Gefühle. Kopfschmerzen, Spannungen, Rückenschmerzen etc. sind die Sprache des Körpers. Dadurch teilt er sich mit, wie es uns geht. Und die Forschung hat gezeigt, dass bewusste Entspannung und die Aufmerksamkeit auf den Atem im Körper das Nervensystem beruhigt. Aber wir müssen oftmals erst wieder eine Verbindung herstellen zum Körper, ihn wieder spüren lernen – um dadurch wieder zu lernen, ihn zu verstehen. Wir sind so in Gedanken, abgelenkt von Alltag und Medien, oder einfach in Eile, dass wir kaum noch etwas spüren. Unser Leben spielt sich oft nur im Kopf ab. Dabei sind wir doch so viel mehr! Es ist auch sehr nährend und wohltuend, schrittweise ein Gefühl von Wertschätzung und Dankbarkeit zu entwickeln für die unglaubliche Leistung, die unser Körper tagtäglich erbringt, ohne dass wir es merken. Atmen, gehen, essen, sprechen, Kinder umarmen, lieben – nicht zu vergessen die fünf Sinne.

Körpergewahrsein

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich wieder mehr mit seinem Körper zu verbinden.

Yoga, Bewegung, bewusstes Atmen und dabei das Atmen im Körper spüren, eine Körperreise, die 5 Sinne wahrnehmen, um nur ein paar zu nennen. Dabei ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten zu respektieren und nicht zu viel auf einmal zu wollen. Es geht darum, realistisch zu sein und zu akzeptieren, wenn es (bzw. der Körper) mal nicht so geht, wie wir uns das vorstellen.

Die wohl einfachste Art und Weise ist es, immer wieder innezuhalten im Laufe eines Tages, seinen Körper nach Spannungen abzusuchen und sich zu fragen, wie es dem Körper jetzt gerade geht und was er braucht. Das klingt einfach, doch im Laufe eines hektischen Tages ist es sehr schwierig, sich an diese Übung zu erinnern. Vielleicht hilft eine Erinnerung auf dem Handy? Oder ein Zettel am Bildschirm des Computers?

Um sich wieder mehr mit seinem Körper zu verbinden und ihn zu spüren, kann es auch sehr hilfreich sein, regelmäßig eine Körperreise (Body Scan) zu machen. Hier gibt es eine von mir angeleitete Meditation.

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Akzeptanz

Es ist halt so, akzeptier das endlich!“ Wer hat das nicht schon mal gehört, von Eltern oder von entnervten Freunden? Dieser Satz ist sehr schnell gesagt, doch die Durchführung ist gar nicht so einfach.

Es fällt schwer zu akzeptieren, dass durch Unachtsamkeit eines anderen die Lieblingstasse zu Boden gefallen ist. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass der Partyeinladung am neuen Wohnort kaum einer der Freunde folgt und man dann alleine in der Fremde sitzt. Es fällt auch schwer zu akzeptieren, dass ein Freund, ein Haustier, ein Familienmitglied plötzlich nicht mehr da oder schwer erkrankt ist.

Widerstand

Was uns an der Akzeptanz hindert, ist ein innerer Widerstand. „Wie konnte sie/er das nur tun!?“ „Warum passiert  ausgerechnet MIR das?!“ Wir wollen die Realität nicht wahrhaben und wehren uns dagegen. Dieser Widerstand, der sich oft in Unverständnis, Verärgerung, oder Schuldzuweisungen äußert, ist eigentlich nur ein Schutzmechanismus. Dahinter steckt oft die irrationale Hoffnung, dass alles sich schließlich doch noch zum Guten wenden möge. Wenn wir nur die Augen verschließen und das Unglück nicht sehen, dann ist es vielleicht auch nicht da, oder? Das Verschließen vor der Realität soll uns vor tiefgreifenden Emotionen schützen, vor Traurigkeit, Enttäuschung, Einsamkeit. Um diesen Schmerz nicht fühlen zu müssen, flüchten wir uns unbewusst schnell in nach außen gerichtete Emotionen: Ärger, Schuldzuweisung, Schimpfen. Diese Art, mit der Realität umzugehen, ist sehr ermüdend und kann sich zu einem Muster entwickeln, das uns runterzieht und uns ständig alles bekämpfen lässt. Wir leiden an der Realität des Lebens und der Menschen, und müssen doch darin und mit ihnen leben.

Akzeptanz

Es gibt einen anderen Weg, um mit Situationen oder Menschen umzugehen, die sich nicht so verhalten, wie wir es gerne hätten oder erwarten: Akzeptanz.

Akzeptanz ist die Basis der achtsamen Haltung. Sie verlangt, dass wir uns einer Situation aktiv zuwenden und erkennen, dass sie eben jetzt genau so ist, wie sie ist. Akzeptanz setzt nicht voraus, dass wir das, was ist, besonders mögen. Sie verlangt nur die Bereitschaft, die Realität anzunehmen. Solange wir dazu nicht im Stande sind, werden wir ständig versuchen, die Dinge so zu verändern, wie sie uns besser passen. Diese Distanz zwischen unserem Wunschdenken und der Realität schafft Leiden und Stress. Eigentlich ist es nicht das Leben, das uns zu schaffen machen – Unglück, Schwierigkeiten sind einfach Teil des Lebens – sondern unseren Unwillen, die Realität anzuerkennen als das, was sie ist.

Akzeptanz hat überhaupt nichts mit Resignation oder Passivität zu tun. Es ist eine zutiefst aktive Haltung zum Leben, die es uns ermöglicht, die Realität wahrzunehmen sowie die Art und Weise, wie wir damit umgehen. Es ist ein Gefühl von Offenheit, von Nicht-Hadern, von Anerkennung anstelle von Ablehnung. Es hindert uns nicht daran, eine Situation verändern oder die Welt verbessern zu wollen, wenn uns das wichtig scheint. Doch durch die Schulung des Annehmens schaffen wir einen Raum, in dem wir selbst die Entscheidungen treffen können im klaren Bewusstsein für die Realität.

Akzeptanz im Alltag

Durch Akzeptanz kann ich akzeptieren, dass die Tasse nun kaputt ist und die Traurigkeit oder Enttäuschung über die Unachtsamkeit zulassen. So kann ich akzeptieren, dass meine Freunde – aus welchen Gründen auch immer – den etwas weiteren Weg zu mir nicht bereit oder fähig sind zu fahren. Ich kann die Traurigkeit, den Schmerz, die Enttäuschung zulassen und im Körper spüren. So kann ich auch akzeptieren, dass Krankheit und Tod zum Leben dazugehören, und dass es auch mich und meine Nächsten treffen kann. Ich kann mich dazu entschließen, den Schmerz und die Angst zu fühlen, sie da sein zu lassen und sie wieder gehen zu lassen, so wie alles kommt und geht.

Je mehr wir uns erlauben, die Realität anzunehmen und damit auch alle Gefühle, die durch Ereignisse hervorgerufen werden, um so mehr können wir lernen – Schritt für Schritt, ohne uns zu überfordern –, dass wir traurig, ängstlich und einsam sein können, ohne dass die Welt untergeht. Wir dürfen weinen, trauern, den Knoten im Herzen spüren. Wir können das ganze Spektrum der menschlichen Gefühle zulassen und im Körper wahrnehmen. Das alles in dem Wissen, dass alles auch wieder vorübergeht (und auch erneut kommt und wieder geht); in dem Vertrauen, dass wir mit allem sein können. Daraus erwächst Resilienz, Vertrauen in die eigene Stärke und eine innere Stabilität.

 

Wenn es regnet, dann ist das Beste, was wir machen können, es einfach regnen zu lassen.

Henry Wadswort Longfellow

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Sein-Lassen oder Loslassen

Ein neues Buch ist herausgekommen von einem von mir sehr geschätzten Wissenschaftler. Es geht um die „Ja“-Haltung von Eltern und wie sich das auswirkt im Alltag mit Kindern. Ich habe mehrere Podcasts gehört und Artikel gelesen, und das Buch steht ganz oben auf meiner Wunschliste; ein weiteres auf dem wachsenden Berg an interessanter Lektüre.

Meine Kinder sind sehr unterschiedlich: eines ist eher schüchtern und launisch, das andere sehr offen und leichter zu befriedigen.

Die Sonne scheint, endlich einmal wieder, und ich wünschte mir, es würde noch ein paar Tage anhalten.

Dies sind einfache Beispiele aus dem Alltag, die eines deutlich machen: unser Gehirn kategorisiert nur allzu gerne, bewertet und beeinflusst damit unsere Emotionen und Handlungsimpulse. Das ist völlig normal. Allerdings ist das ein Zeichen des „Erledigungsmodus“ und des Festhängens an Wünschen und Vorstellungen.

Eine der 9 Qualitäten der Achtsamkeit: Sein-Lassen

Eine der 9 wertvollen Qualitäten der Achtsamkeit ist das „Sein-Lassen“ oder „Loslassen“. Durch die Achtsamkeitspraxis, das Üben des „Seins“ mit dem Leben und allem, was uns begegnet, können wir erkennen, woran wir festhalten bzw. in welchen Gedankenspiralen und Gefühlsmustern wir verstrickt sind. Wir können Impulse und Verlangen bemerken und auch, wie sich dieser Drang zu „mehr“ oder zu „halten“ in uns anfühlt. Nur durch diesen Erkenntnisprozess können wir als nächsten Schritt bewusst seinlassen, was ist, und loslassen, woran wir festhalten wollen. Seinlassen ist eng verbunden mit Akzeptanz und Nicht-Streben. Es bedeutet, das Leben und den Moment so sein zu lassen, wie er jetzt gerade ist, ohne etwas anders oder mehr haben zu wollen.

Authentisch sein dürfen

Von großer Bedeutung ist auch die Fähigkeit, sich selber einfach sein zu lassen und die Ideen vom eigenen Ego loszulassen. Früher war ich überzeugt davon: „Ich bin schüchtern.“ oder „Ich bin nicht sportlich.“ Darüber definierte ich mich und meinte, auch so in den Augen anderer wahrgenommen zu werden. Durch meine eigene negative Bewertung folgte der vergebliche Versuch, mich zu ändern, um dann hoffentlich besser angenommen und geschätzt zu werden.

Wenn wir uns also erlauben können, dieses Festhalten an Ideen und Vorstellungen loszulassen, gewähren wir uns unendliche Freiheit und innere Ruhe. Wir müssen nicht länger „die Zuverlässige“ oder „der Sportliche“ sein, wir können einfach das sein, was unserer eigenen Natur entspricht, ohne den Wert an äußeren Einflüssen festzumachen. Wir können von innen heraus, aus unserer eigenen inneren Weisheit heraus, erkennen, dass das bloße Sein das einzig authentische ist – und uns dann von dem lösen, was uns davon wegzieht.

Loslösen von Wünschen und Ideen

Dann muss ich auch nicht jedes interessante Buch besitzen, um noch mehr zu lernen, sondern ich kann darauf vertrauen, dass das, was ich weiß und was ich kann, genug ist. Dann kann ich auch meinen Kindern erlauben, so zu sein, wie sie sind, ohne sie einzuordnen und unbewusst bestimmte Verhaltensmuster zu erwarten. Dann kann ich mich von ihnen und vom gegenwärtigen Moment überraschen lassen. Und dann kann ich auch zulassen, die Sonnenstrahlen in diesem Augenblick zu genießen, ohne an die Zukunft zu denken.

Das bloße Sein-Lassen von Dingen, Personen und Situationen ist zuweilen sehr schwierig, weil es als ersten Schritt die Bewusstwerdung des Anhaftens oder Haben-Wollens beinhaltet. Dann aber kann es ungemein befreiend sein und die Türen öffnen zu einer Fülle von neuen Erfahrungen, zu einem neuen Reichtum an Leben.

Frieden findest du nicht, wenn du deine Lebensumstände neu ordnest, sondern indem du dir bewusst wirst, wer du im tiefsten Innern bist.“ Eckhart Tolle

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Anfängergeist

Jon Kabat-Zinn, der Begründer des Programms „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ (MBSR = mindfulness-based stress reduction), hat neun Aspekte als Kern der Achtsamkeitspraxis herausgestellt. Wenn wir diese Qualitäten üben und sie dadurch in uns kultivieren, dann kann das uns dabei helfen, ein achtsames und waches Leben zu führen, ein Leben im Hier und Jetzt und mit allem, was dazu gehört: Höhen und Tiefen und die Mitte.

Der Anfängergeist

Der Anfängergeist oder der Forschergeist nimmt alles wahr, als wäre es zum ersten Mal: aufstehen, duschen, Frühstück essen, den Partner begrüßen, die Sonne sehen, den Weihnachtsbaum schmücken. Dabei wohnt dieser Haltung zum Leben eine einzigartige Magie inne, die anerkennt, dass tatsächlich jeder Augenblick neu und frisch ist, noch nie in dieser Form dagewesen ist und auch nie wieder so sein wird. Jetzt genau in diesem Moment liegt die ganze Fülle des Lebens vor uns, und dies ermöglicht uns ein Ausbrechen aus Routine, aus alten Denkmustern und Langweile. Mit Anfängergeist liegen uns unzählige Möglichkeiten offen, und das Staunen und die Neugier werden zum Tor für dieses gegenwärtige Leben. Wenn wir jeden Augenblick als frisch und neu empfangen, öffnen wir unser Herz für das Wunder „Leben“, für das Außergewöhnliche im Alltäglichen.

Staunen und neugierig sein

Wenn wir für jeden Augenblick wach sind und neugierig auf das, was kommen mag, dann lösen wir uns von Erwartungen und Wünschen und können unser Leben leben wie ein Forscher, der fremdes Land erkundet. So wird aus dem regelmäßigem Sportprogramm ein gegenwärtiges und damit einzigartiges Erleben des Körpers und unserer Haltung dazu Aus dem allabendlichen Essen mit der Familie wird eine einmalige Erfahrung von Miteinander der verschiedenen Persönlichkeiten und gegenwärtigen Stimmungen. Wenn wir uns erlauben, offen und neugierig zu sein und unsere eigene Agenda und unsere Idee, wie etwas sein sollte, fallenlassen können, entfaltet sich vor unseren Augen das pure Leben, in seiner ganzen Fülle und so, wie es ist. Wie ein kleines Kind können wir die Augen öffnen und neugierig sein auf diese große Welt und unser Leben, dann ist jeder Augenblick spannend und einzigartig.

Unser Alltag macht es uns schwierig

Diese Haltung zum Leben setzt eine Wachheit und Bewusstheit voraus. Tatsächlich ist es wirklich schwierig, dies anzuwenden, und es benötigt Übung und eine klare Absicht.

Wenn mein Sohn beispielsweise abends vor dem Schlafengehen bereits seit Wochen das gleiche Buch heraussucht und schon seine Schwester stöhnt „Nicht schon wieder die Eis-Geschichte!“, dann spricht sie aus, was mein Geist impulsartig denkt. Wenn meine Kinder sich streiten, wer denn nun zuerst die Zähne geputzt bekommt – obwohl der Grund des Streits eigentlich ein angenehmer ist –, dann kreisen meine Gedanken um „Nicht schon wieder… Jeden Abend die gleiche Zankerei. Ich kann es nicht mehr hören.“ Wenn die Waschmaschine zum dritten Mal heute piepst und auf das Ausräumen wartet, dann bin ich zunächst genervt von der erneuten Unterbrechung meiner Tätigkeit. Schon wieder die Wäsche machen, wie langweilig.

Unser Alltag trägt schon im Wort, wie es sich meist anfühlt: alle Tage, jeden Tag das Gleiche.

Die Kraft der Achtsamkeitspraxis

Wenn wir uns immer wieder bewusst dafür entscheiden, den Augenblick mit einem Forschergeist zu betrachten, ohne auf das erwünschte oder erwartete Ergebnis zu hoffen, dann können wir eine innere Neugier kultivieren, unseren urteilenden Geist beruhigen und den Tag mit mehr Freude erfahren. Eine offene Haltung, die natürlich auch Gemütszustände wie Langeweile, Genervtheit und Ungeduld freundlich wahrnimmt, erlaubt uns, im gegenwärtigen Moment zu bleiben und vielleicht überrascht zu werden. Nur so kann ich wahrnehmen, mit welcher Begeisterung und täglich tiefer gehendem Verständnis mein Sohn die Gute-Nacht-Geschichte in sich aufnimmt, und mich daran und mit ihm freuen. Nur so kann ich mit Geduld und Verständnis den Kindern zeigen, wie man Konflikte (Wer ist heute „erster“? Weshalb ist es nicht wichtig, wer „erster“ ist?) friedlich und selbständig löst. Nur so kann ich die bewusste Entscheidung treffen, das Wäsche-machen als Achtsamkeitsübung für die fünf Sinne zu nutzen (Wie fühlt es sich an? Welche Farben und Formen sehe ich? Wonach riecht es? Welche Geräusche machen eigentlich die Wäscheklammern?).

Den Anfängergeist zu schulen ist nicht einfach, aber es lohnt sich, sich immer wieder darauf zu besinnen und es auszuprobieren. Vielleicht verlaufen der Tag und die Momente dann ganz anders, als man ursprünglich dachte. Zudem trägt ein Tag voller Neugier und Offenheit dazu bei, sich am Ende des Tages nicht so erschöpft und von alltäglichen – vermeintlich nichtssagenden – Aufgaben frustriert zu fühlen, sondern wach und inspiriert von der Fülle des eigenen Lebens.

Nicht-Urteilen: eine der 9 Qualitäten der Achtsamkeit

Jon Kabat-Zinn, der Begründer des Programms „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ (MBSR = mindfulness-based stress reduction), hat neun Aspekte als Kern der Achtsamkeitspraxis herausgestellt. Wenn wir diese Qualitäten üben und sie dadurch in uns kultivieren, dann kann es uns dabei helfen, ein achtsames und waches Leben zu führen, ein Leben im Hier und Jetzt und mit allem, was dazu gehört: Höhen und Tiefen und die Mitte.

Diese Qualitäten lassen sich auf alle Gegebenheiten des menschlichen Alltags anwenden. Dabei gibt es kein Ziel, keinen Endpunkt. Es geht nicht darum, diese neun Aspekte zu lernen, sie auf einer Liste abzuhaken und dann für immer ein glückliches Leben zu führen. Das ist nicht möglich, denn die Beschaffenheit unseres Gehirns und unseres Lebens ist derartig, dass wir tagtäglich wachsen, lernen, hinfallen und neu beginnen können.

Jeder Augenblick ist neu, jede Situation ist anders, und die Aufgabe besteht darin, eben diesen einen jetzigen Augenblick so zu nehmen, wie er ist – mit einem offenen Herzen und mit einem liebevollen und achtsamen Blick.

Die neun Aspekte können uns also ein wertvoller Halt für ein Leben in Achtsamkeit sein

Erster Aspekt: Nicht-Urteilen / Nicht-Bewerten

Achtsamkeit ist die „Bewusstheit, die sich dadurch einstellt, dass man mit Absicht und ohne zu werten aufmerksam bei der sich in jedem Moment entfaltenden Erfahrung ist.“ (Jon Kabat-Zinn)

Ohne zu werten – das bedeutet, dass wir alles, was in und um uns herum geschieht, nicht sofort bewerten, in Schubladen stecken oder in „gut“, „schlecht“, etc. einteilen sollten.

Nur in einer offenen Haltung und mit einem offenen Blick ist es möglich, wirklich wahrzunehmen, was da gerade präsent ist in unserem Leben. Jede Wertung verzerrt das Bild, legt ihm einen Filter über. Das klingt nachvollziehbar und einfach: Ohne Filter ist das Bild rein und unverfälscht, eben einfach so, wie es ist.

Doch wir bewerten ständig: „Das ist total ungemütlich draußen mit dem Wind und dem Nieselregen!“ oder „Was ist das für ein Lärm da draußen? Ich kann mich nicht auf die Arbeit konzentrieren!“ und so weiter. Unser Gehirn bewertet immer und überall, es kritisiert, lobt und ordnet ein. Das ist normal, so funktionieren wir einfach. In früheren Zeiten war diese Fähigkeit, Situationen und Menschen schnell in Gefahr oder Freund einzuschätzen, oftmals überlebenswichtig. Alles zu bewerten bedeutet also einfach, dass wir Menschen sind und ein menschliches Gehirn besitzen.

Achtsamkeit verlangt demnach nicht, dass wir das Bewerten abstellen, denn das ist nicht möglich. Achtsamkeit lehrt uns aber, unsere ständige Tendenz zur Bewertung zu bemerken und uns dann bewusst davon freizumachen. So entsteht eine Wahlmöglichkeit, ob wir unserer inneren – bewertenden – Stimme glauben möchten oder aber erkennen: „Das ist ein Gedanke. Das ist eine Bewertung.“ Je mehr wir das Nicht-Urteilen üben, umso offener und freier werden wir, die Dinge und Menschen erst einmal so sein zu lassen, wie sie sind. Ohne Filter, ohne Kategorie, einfach nur das bloße Sein.

Dieses Nicht-Bewerten zu üben kann eine äußerst bereichernde und spannende Tätigkeit sein. Wahrscheinlich werden wir immer wieder in den automatischen Modus verfallen und diese höhere Ebene vergessen, die uns erlaubt, uns beim Denken zuzusehen. Mit einiger Übung jedoch – und viel Geduld und Milde, wenn wir wieder abschweifen – kann es gelingen, uns immer öfter dabei zu ertappen, dass wir unsere altbekannten Schubladen wieder bemühen. Dies kann ein sehr befreiender und aufschlussreicher Vorgang sein, der uns jedes Mal ein Stückchen näher an die Realität bringt, so wie sie eigentlich vor unseren Augen ist: „Draußen regnet und windet es in diesem Moment.“ – „Da draußen sind sehr laute Geräusche zu hören.

die täglichen Reize akzeptieren – und daraus lernen

Täglich laufen die Kinder und ich mehrmals an einem Haushinterhof vorbei, das auf einer kleinen Fläche mit Steinen ausgelegt ist und von einem großen Hund bewohnt wird. Es gibt nicht viel Abwechslung für das Tier, auch der Auslauf hält sich in Grenzen, und so stürzt er sich mit Gebell auf alles, was in sein Blickfeld gerät.

automatischer Fluchtreflex

Ich erinnere mich daran, dass wir in den ersten Tagen zu Tode erschraken, denn es kam wie aus dem Nichts und aktivierte den instinktiven Flucht-Reflex. Ich schrie leise auf, mein Herz raste, der Atem wurde flach und schnell, mein Körper machte einen Satz zur Seite. Anschließend ein erleichtertes und etwas beschämtes Lachen und der Gedanke: „Es ist doch nur ein Hund hinter Gittern. Da kann nichts passieren.“ Die Kinder waren natürlich ebenso erschrocken. Die nachfolgenden sieben Male etwa geschah genau das Gleiche, und besonders wenn meine Gedanken überall waren nur nicht beim gegenwärtigen Gehen, dann war ich auf diese Begegnung überhaupt nicht vorbereitet – und mein Körper machte wieder, was er wollte. Der primitive Teil des Gehirns, das Bedrohungssystem, springt also einfach an, ohne dass ich darüber Kontrolle habe, und lässt all diese Körperreaktionen und Flucht- oder Angriffsgedanken aus.

Interessanterweise konnte ich aber zunehmend die Gedankenströme beobachten. „Nicht schon wieder!“, „Warum können sie den Hund denn nicht mal hineinlassen?“, „Das arme Tier, so wenig Auslauf!“, „Grrrr!“, und zuletzt sagte ich laut zum Hund: „Du kennst mich doch mittlerweile, jetzt beruhige dich!“

erkennen

Diese letzte laute Äußerung bewirkte eine Verschiebung in meiner Wahrnehmung, als mir klar wurde, wie sinnlos es ist, mit einem Hund und seinen Instinkten diskutieren zu wollen. Auch wurde mich nur zu deutlich, dass ich andere Wesen (Menschen und Tiere), Situationen und Ereignisse in keiner Weise beeinflussen oder ändern kann, wie sehr ich mir das auch wünsche. Das einzige, auf das ich Einfluss habe, das bin ich: meine Antwort und mein Verhalten auf das, was auch immer geschehen mag.

Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass meine Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen dennoch automatisch ablaufen und ich diese aber mit etwas Übung zunehmend wahrnehmen kann – und mich dann entscheiden kann, was ich damit anfange.

Pema Chödrön nennt diesen Vorgang „getting hooked“ (shenpa), also durch einen Auslöser in eine automatische Reaktion hineingezogen werden, sein Herz verschließen und mit Angriff oder Flucht reagieren. Die Lösung ist nicht, diesen Auslöser loszuwerden, das ist nicht möglich. Es geht darum, diese Reaktion des „Am Haken“-Seins zu erkennen, eine Pause zu machen und dann eine alternative Antwort zu wählen.

aus der gegenwärtigen Situation heraus zur bewussten Antwort

Diese alltäglichen und oft wiederkehrenden Situationen sind tatsächlich unendlich wertvoll, um die eigenen Verhaltensmuster kennenzulernen und sie schließlich zu durchbrechen. Es bieten sich unzählige Möglichkeiten, nicht dem ersten Impuls zu folgen und Dinge oder Menschen zu ver- oder beurteilen, über die man ohnehin keine Kontrolle hat. Was ich im Kleinen – und in der Meditation beispielsweise – üben kann, wird mir in schwierigen Situationen einfacher zur Verfügung stehen und es mir erlauben, eine bewusste Wahl zu treffen bei den großen und kleinen Hindernissen im Leben. Daher bin ich dankbar für diese tägliche Übungssituation, in der ich mich und mein Sein und Handeln in aller Ruhe studieren kann.

Neuanfänge – Herausforderungen und Chancen

Kürzlich standen zahlreiche Neuanfänge in unserem Leben an: Ein Umzug in ein anderes Land, in ein anderes Haus, in ein vollkommen anderes Leben. Eine neue Art des Familienlebens. Schulanfang in einer neuen Schule und in einer neuen Sprache. Mehr Platz hier, weniger Stauraum dort. Ausmisten, aufbauen, verstauen, loswerden. Und immer kommt jeden Tag etwas Neues hinzu, sei es ein defekter Computer oder ein Arzttermin. Auf diesen großen Umzug haben wir uns lange vorbereitet, administrativ und emotional – letzteres vor allem zusammen mit den Kindern.

 

Es war eine große Veränderung, die vorher, währenddessen und jetzt auch immer noch viel Kraft kostete, besonders weil kleine Menschen betroffen waren, die unsere Präsenz benötigten, um das Neue um sie herum verstehen und verarbeiten zu können. Wir sagten uns oft, dass es eine Übergangssituation wäre und irgendwann hätte sich alles eingespielt und der Umzug wäre fertig.

Aber um ehrlich zu sein: ist es jemals ganz fertig?

Nein, nichts ist jemals fertig und abgeschlossen. Die achtsame Haltung zum Leben sieht alles als einen Neuanfang. Alles ist frisch, noch nie dagewesen, und die Einladung ist hier, den Anfängergeist nicht aus den Augen zu verlieren. Offen bleiben, neugierig bleiben, nicht allzu viele Pläne und Erwartungen haben, wie etwas zu sein hat. Jeder Atemzug ist ein neuer Anfang, jeder Morgen ist vollkommen frisch und unbelegt.

 

Es gibt keinen Unterschied zwischen Wochenende und Wochentage, zwischen normalen Tagen und Ferien: es gibt nur Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang. Schätze es wert und genieße.

Dieser Spruch aus dem Internet bringt es auf den Punkt. Es gibt keine besonderen Situationen, keine Übergangsphasen, keine Ausnahmen, nachdem alles wieder „läuft“ wie geplant. Die achtsame Lebensweise betrachtet jeden Tag, jeden Moment als etwas vollkommen Neues, und nur ein offenes und neugieriges Herz ist in der Lage, der Fülle des Lebens gerecht zu werden. Nur mit dieser uneingeschränkten Präsenz, das Leben und jeden Moment so zu nehmen, wie er ist, ist es möglich, von den Wellen nicht überrollt zu werden. Natürlich ist es hilfreich, Projekte wie beispielsweise einen Umzug zu planen, so gut es eben geht. Doch es ist wichtig, dabei nicht zu vergessen, dass es oft anders kommt als geplant und dass die Achtsamkeit dabei helfen kann, alles mit freundlicher und interessierter Präsenz anzunehmen.

 

Dieses innere Vertrauen und Wissen, mit allem sein zu können, kann der vielzitierte Fels in der Brandung des Lebens sein, gerade bei großen Veränderungen. Diese Haltung versuche ich, durch regelmäßige Meditation und Praxis zu erlangen.

Das ist eine lebenslange Aufgabe, ein Ende gibt es nicht. Es gibt nur Sonnenaufgang und dann Sonnenuntergang, und wieder Sonnenaufgang, und dazwischen eine unendliche Anzahl an Momenten, an Leben.

Urlaubszeit – Sonne, Spaß und die große Entspannung (oder etwa nicht?)

Nun haben die Sommerferien begonnen. Zunächst gibt es noch eine Ferienbetreuung, dazwischen ein paar Tage Urlaub, danach weitere Planung etc.

Gedanklich sind wir schon weit voraus, wie wohl die meisten zu dieser Jahreszeit. Noch schnell dies und das erledigen, bevor der Urlaub beginnt. Noch eben gerade die Liste abarbeiten, damit man mit gutem Gewissen aus dem Büro gehen kann und die Arbeit dem Kollegen überlassen oder sie auch einfach liegenlassen kann.

Das Jetzt, der gegenwärtige Moment ist gerade nur so gut wie die Arbeit, die man in ihm erledigt bekommt für die Zukunft. Denn in der Zukunft, im Urlaub, da soll man sich ja entspannen können und an nichts denken müssen. Das Konzept von „im Moment leben“ ist ja schön und gut, aber nicht gerade jetzt, da passt es nicht so wirklich ins Konzept. Ich rackere mich jetzt ab, um später meine wohlverdiente Ruhe zu haben.

Klingt das bekannt?

 

Routine = richtig?

Dieses Konzept, von dem uns unser innerer Antreiber gerne überzeugen möchte, hat oft schon so lange Zeit vorgeherrscht, da fällt es schwer, diese Routine zu durchbrechen. Aber Routine bedeutet nicht gleichzeitig „richtig“ oder gut für uns. Nur weil wir es immer so machen, muss es noch lange nicht dienlich sein für unser Wohlbefinden und unsere innere Balance.

Das, was wir immer machen, wird zur Routine, die Routine wird zur Gewohnheit. Wenn wir ständig von A nach B hetzen, um nur noch schnell etwas zu erledigen – irgendwas Dringendes steht ja immer an – dann wird dieses Hetzen zur Gewohnheit. Wir reden uns ein, dass bald eine Pause sein wird, der Urlaub steht ja vor der Tür. Dann endlich können wir entspannen, ausruhen und die Seele baumeln lassen.

Weit gefehlt.

Wenn wir konstant etwas erledigen müssen und uns keine Pausen gönnen, dann wird diese Einstellung zum Standard. Wenn nun der Urlaub da ist – oder das Wochenende, die Ferien, der Feierabend – dann rennen wir weiter im Hamsterrad und wundern uns, weshalb wir uns nicht auf Kommando entspannen können. Dabei vergessen wir ganz einfach, dass wir, ob im Flugzeug nach Florida oder auf Wanderweg in den Dolomiten, uns mitnehmen, unseren erschöpften Körper, unsere rotierenden Gedanken, unsere drückenden Bedürfnisse und Emotionen. Wenn das Erledigen, Organisieren und Tun zum Standard geworden ist, dann ist das auch der Standard im Urlaub – unserem Gehirn ist es nämlich egal, ob wir gerade am Strand liegen oder nicht. Da reicht es, wenn ein Windstoß den Sand aufwirbelt und das mit Sand gesprenkelte Eis unseres Sohnes nun plötzlich zwischen den Zähnen knirscht, und unser reaktives Gehirn schaltet um auf Stress, Klagen und Aufregen. Da ist dann keine Spur von Entspannung oder „Runterkommen“ mehr. Und dann regnet es vielleicht auch noch! Vielleicht kommt es aber auch gar nicht so weit und wir erreichen den Strand gar nicht, weil wir mit Migräne oder eine Erkältung im Hotelbett liegen. Der Körper hat sich vielleicht endlich die dringend benötigte (körperliche) Ruhe geholt, die er so lange nicht bekam, und uns buchstäblich lahmgelegt.

Was auch immer passiert, es ist relativ unwahrscheinlich, dass wir von jetzt auf gleich umschalten können auf den Urlaubsmodus und alle Sorgen fallenlassen. So funktioniert unser Gehirn einfach nicht. Unsere Gedanken fahren nie in den Urlaub, unsere unbewussten Konditionierungen begleiten uns überall hin und ohnehin können wir weder die anderen Personen noch irgendwelche Ereignisse oder das Wetter beeinflussen. Wir setzen uns selbst enorm unter Druck, wenn wir von uns erwarten, uns im Urlaub erholen zu müssen. Die Enttäuschung, die Frustration über unvorhergesehene Probleme oder unser Unvermögen, einfach mal „locker“ zu lassen, werden nicht lange auf sich warten lassen. Dann kommt für gewöhnlich auch rasch die Angst vor der Rückkehr: Was mache ich bloß, ich bin immer noch so erschöpft! Ich muss dringend auftanken, sonst kann ich nicht zurück zur Arbeit!

 

Das Leben ist wie eine Autofahrt

Man könnte das Leben sehen wie eine Autofahrt in einem Auto mit Gangschaltung. Wenn wir ständig im6. Gang fahren, dann gewöhnen wir uns an diesen Fahrstil. Der Fuß auf dem Gaspedal kennt bald den genauen Winkel, den er haben muss, um die Geschwindigkeit konstant zu halten, vielleicht ist auch der Tempomat eingelegt, eine Hand ruht lässig und unnütz auf dem Schaltknüppel. Wir sind schnell, wir werden sicherer – es wird zur Gewohnheit –; es trägt uns aber auch mal rasch aus der Kurve bei dieser Geschwindigkeit.

Nun ist Urlaub, und wir möchten uns entspannen, ausruhen, einfach mal rechts ranfahren, parken und den Sonnenuntergang genießen. Aber wie soll das funktionieren aus dem 6. Gang heraus? Wir müssten erst Gang für Gang zurückschalten, mit Geduld, Akzeptanz und Rücksicht auf die Umstände. Aber bis wir tatsächlich anhalten können, ist der Urlaub wahrscheinlich schon vorbei. Wer hat schon drei Wochen (oder mehr) Zeit fürs Runterkommen? Außerdem ist es mit der Geduld hierbei oft nicht so gut bestellt, weswegen das Auto auch schon mal böse malträtiert wird, um zu funktionieren.

Die Lösung liegt auf der Hand: Unsere Standardgeschwindigkeit sollte im Mittelfeld liegen, um flexibel zu bleiben. Mal muss es schneller gehen, dann kann man wieder einen Ganz zurückschalten. Wenn es möglich ist, sollte man auch regelmäßige Pausen einplanen – wenn man das selbst nicht kann: viele Autos erinnern einen nach 2 Stunden daran: „time for a break!“. Nur so können wir sicher sein, dass wir die Kontrolle haben über das, was mit uns in diesem Leben, auf dieser Straße passiert. Nur so können wir im Urlaub ohne größere Probleme rechts ran fahren und uns und dem Auto eine Pause gönnen, den Tank (=unsere Batterien) aufladen und eine Bestandsaufnahme machen. Nur so können wir den Weg im Blick behalten und das große Ganze sehen.

Vom 3. Gang zum Parken zu gelangen ist möglich mit wenigen Schritten, und hier ist das Schalten nach oben und nach unten einfacher und eingespielt. Wenn wir ständig im 6. Gang fahren, dann verlieren wir leicht die Kontrolle über unseren Weg. Übrigens ist eine anständige Unterhaltung mit unserem Partner auch recht schwierig, wenn uns der Fahrtwind um die Ohren weht oder wenn wir beschäftigt sind, in unserem Tunnelblick den Verkehr im Auge zu behalten.

Mal einen Gang runterschalten

Für jeden ist die ideale Fahrgeschwindigkeit eine andere. Doch der Weg zum Parken, zum Stillstehen und einfach mal nirgendwo hinkommen müssen, ist immer der Gleiche: runter vom Gas, etwas abbremsen. Wenn man also eher zu den Rasern gehört, so kann es hilfreich sein, immer mal wieder zu bremsen und sich darauf zu besinnen, wo man jetzt gerade ist, wer neben uns im Auto sitzt und was gerade präsent ist. Diese kleinen Pausen, das Zurückschalten, können dem Körper und dem Geist enorm helfen, auf der Spur zu bleiben und innere Balance zu halten. Und dann kann es sogar gelingen, sich im Urlaub zu entspannen.