von Berenice Boxler.

Den Titel des Artikels habe ich geklaut von einem Buch, das mich schon auf den ersten Seiten verzaubert hat. Clemency Burton-Hill, eine britische Radio-Moderatorin, stellt darin jeden Tag ein klassisches Musikstück vor. In ihrem Vorwort spricht sie von einem „Raum zum Innehalten, Nachdenken und Reflektieren, um mit uns selbst eins zu werden und einfach nur zu sein.“ Manche Menschen meditieren oder praktizieren Yoga, schreibt sie, für sie sei es die Musik, die zur Selbstfürsorge und zur täglichen Dosis Wohlbefinden gehöre. Ich bin gespannt, wie es nach einem fulminanten Bach-Auftakt weitergeht.

Alle Jahre wieder…

Jedes Jahr laden die letzten Tage des Jahres dazu ein, Bilanz zu ziehen und neue Impulse zu finden. Es gibt da die Klassiker wie „weniger Zucker essen“, „mehr Sport treiben“ oder „Neues entdecken“. Und jedes Jahr gibt es diese Anfangsmotivation und große Pläne, die oft nach wenigen Wochen der eingespielten Routine und dem Alltagsstress zum Opfer fallen. Dann gibt es meist Frustration und Selbstzweifel, ein Alles-oder-Nichts-Denken („Jetzt ist es eh egal…“) und Unzufriedenheit. Weshalb ist es so schwierig, Neujahrsvorsätze einzuhalten? Und weshalb machen wir es jedes Jahr erneut, obwohl es doch schon in den vorigen Jahren nie so geklappt hat, wie wir uns das vorgestellt haben?

Zum Scheitern verurteilt

Neujahrsvorsätze werden meist am Ende des Jahres gefasst. Es ist die Zeit der großen Ruhe und der Verlangsamung des Alltags, es kommen keine Telefonate oder Mails rein, morgens klingelt kein Wecker und die Weihnachtsleckereien werden genossen mit dem Gedanken: „Das darf jetzt sein, im nächsten Jahr passe ich wieder besser auf.“ Es wird gefeiert, entspannt, vielleicht etwas mit der Familie gestritten, aber die Arbeit ruht oder ist zumindest ruhiger. In dieser Stimmung lässt es sich gut planen und wünschen, wie die Veränderung aussehen soll. Und dann kommt der Januar und wir stellen überrascht fest, dass das Lebenskarussell plötzlich wieder schneller dreht. Die Kollegen nerven wieder, der Stau auf den Straßen raubt wertvolle Zeit und die Laufeinheit ist anstrengender als gedacht – wenn überhaupt noch Zeit dafür bleibt. Wir haben unsere Pläne eben ohne das Leben gemacht.

Und trotzdem bemühen wir uns jedes Jahr aufs Neue, diesmal muss es doch klappen, der Leidensdruck ist vielleicht größer, aber der potentielle Fall dadurch auch. Auch wenn wir uns vielleicht einreden, diesmal keine Vorsätze zu fassen, so kann man sich oft nicht dem Sog entziehen, den das Wort „neu“ entwickelt. Ein neues Kapitel, ein neuer Anfang, und dieses Mal sogar eine neue Dekade.

Wie ist es also möglich, wirklich Veränderungen anzustoßen, die langfristig greifen? Der amerikanische Meditationslehrer Oren Jay Sofer hat dazu eine inspirierende Herangehensweise, die er auf die Kommunikation* anwendet, die jedoch in allen Bereichen des Lebens hilfreich ist: Das Ausrichten des Lebens nach den ureigensten Bedürfnissen statt nach Strategien.

Das große „WAS“ – Strategien im Alltag

Die meisten Menschen organisieren ihr Leben nach Strategien. Eine Strategie ist WAS wir machen. Es ist gebunden an einen festen Ort, Person, Zeit oder Umstand. Wir verfolgen viele Strategien jeden Tag. WAS ich mache ist zum Beispiel ein wöchentlicher Einkauf in einem bestimmten Supermarkt, der Bioprodukte hat. Eine andere Strategie ist, möglichst 4-mal pro Woche auf den Hometrainer zu steigen, um den Dezember-Müßiggang zu beenden. Oder ich plane, morgen Vormittag ein wichtiges Telefonat vorzubereiten. Und wenn die Kinder in der Schule sind, arbeite ich an meinen Projekten. Das Leben besteht aus Plänen und Vorhaben, und das Organisieren kann zwar ermüden, ist aber oft notwendig, um den komplexen Alltag zu meistern. Und in die Kategorie von Strategien fallen auch die berühmten Neujahrsvorsätze: ab Januar dreimal die Woche ins Fitness-Studio für 45 Minuten, zweimal in der Woche frische Waren einkaufen und selbst kochen, mich regelmäßig mit Freunden im Kino verabreden, weniger Fernsehen gucken und mehr schlafen, etc.

Was aber passiert, wenn morgen früh eines meiner Kinder krank zu Hause ist und ich keine Zeit habe zum Vorbereiten? Wie geht es mir wohl, wenn ich diese Woche immer noch so müde oder krank bin und nicht Sport machen kann? Was ist, wenn der Supermarkt die Zutaten meiner geplanten Gerichte nicht hat und ich noch zusätzlich in einen anderen fahren muss? Und wie bin ich gelaunt, wenn meine Freunde zu viel zu tun haben oder kein guter Film im Kino läuft? Alles, was unsere Pläne oder Strategien durchkreuzt, erzeugt Stress, Frustration oder Ärger. Und wenn sich das dann häuft, dann verallgemeinert das Gehirn gerne à la „Das klappt nie!“ und „Immer muss das mir passieren!“.

Feste Strategien im Kopf zu haben erzeugt ein Gefühl von Kontrolle – dabei ist das Leben nicht zu kontrollieren. Das Leben ist, wie es ist, und nicht, wie wir es gerne hätten.

Das tiefgehende „WESHALB“ – Bedürfnisse des Menschen

Bedürfnisse sind der Grund, WESHALB wir etwas tun. Sie sind nicht gebunden an Orte oder Personen. Eine Strategie kann viele Bedürfnisse beinhalten. Marshall Rosenberg, der Vater der gewaltfreien Kommunikation, hat eine ganze Reihe von universalen menschlichen Bedürfnissen zusammengestellt. Da gibt es zum Beispiel den Bereich „physisches Wohlbefinden“ (Luft, Nahrung, äußerer Frieden, Unterkunft, Sicherheit, etc.), dann „Spiel“ (Abenteuer, Freude, Humor, etc.), „Autonomie“ (Freiheit, Selbst-Verantwortung, Raum, etc.) oder auch „Verbundenheit“ (Akzeptanz, Kommunikation, Respekt, Empathie, Vertrauen, Intimität, Gemeinschaft, etc.).

Jedem Menschen ist eine Hit-List zu eigen, die bestimmt, was für ihn oder sie individuell wichtig ist. Manche bevorzugen autonomes Arbeiten und sind also vielleicht selbständig oder an Schlüsselpositionen, andere funktionieren am besten im Team, manche zieht es täglich in die Natur, andere benötigen zwischenmenschliche Harmonie, um aufzublühen, und sagen daher häufiger mal „ja“ zu einer Anfrage, um den anderen nicht zu verärgern. Ob es uns bewusst ist oder nicht, alles, was wir als Menschen tun, das tun wir, um eines oder mehrere Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn ich beispielsweise mit Freunden ins Kino gehen möchte, dann stecken da folgende Bedürfnisse dahinter: Vergnügen, Miteinander, Freundschaft, Entspannung, Leichtigkeit. Einer Sport-Einheit liegen dagegen Bewegung, Gesundheit, Herausforderung und Selbstfürsorge zu Grunde. Und das Kuscheln mit den Kindern bedient die Bedürfnisse nach Verbindung, Wärme und Zuneigung.

Es gibt bei den Bedürfnissen kein richtig oder falsch, es gibt nur ein „So ist es. Das ist mir wichtig, damit ich authentisch leben kann.“ Je bewusster uns ist, was uns tief im Inneren antreibt, desto eher können wir diesem inneren Verlangen folgen und das Leben danach ausrichten. Und dann wird es sehr viel leichter, mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen.

Wie sieht das aus, ein Leben nach den Bedürfnissen zu leben?

Wenn es mein Bedürfnis ist, gesünder zu leben, dann gibt es so viele Strategien, die ich anwenden kann: laufen gehen, spazieren gehen, tanzen, Muskel-Training im Fitness-Studio, Yoga machen, mehr Grün essen, weniger Zucker und Koffein zulassen, mehr Schlaf einplanen, meditieren, zu Fuß gehen statt mit dem Lift fahren, etc. Da spielt es keine Rolle, ob ich heute krank bin oder der Stau mir Zeit raubt: irgend eine Strategie ist immer möglich. Wenn ich mir vorgenommen habe, mehr Gemeinschaft in mein Leben zu lassen, dann kann ich tanzen gehen, ins Kino, Freunde kontaktieren (auch wenn eigentlich sie „dran wären“), mich in ein Café setzen und vielleicht ins Gespräch kommen, einem Club beitreten, außerhalb der vier Wände etwas Neues ausprobieren, die Menschen im direkten Umfeld wieder neu wahrnehmen und sie wirklich ansehen und anlächeln, gezielte Freundlichkeitsübungen durchführen, etc. Die Liste ist endlos.

Warum also nicht eines oder mehrere Bedürfnisse heraussuchen, die etwas mehr Aufmerksamkeit und Nahrung gebrauchen könnten, und sie zum Neujahrsvorsatz machen? Hier gibt es als Download eine Liste mit universellen menschlichen Bedürfnisse als Inspiration.

2020 nach Bedürfnissen und Werten ausrichten

2019 war mein Wort des Jahres „Selbstfürsorge“. 2020 sind es „Freundlichkeit, Mitgefühl, Verbundenheit“. Es gibt unzählige Möglichkeiten, diese Worte mit Leben zu füllen, und alle werden eine Wirkung auf mich haben: „Worauf wir uns konzentrieren, das wird stärker.“ Das zeigt uns die Forschung der Neurobiologie. Meine Einladung ist es, sich nicht auf das zu konzentrieren, was (noch) nicht gut läuft oder was besser sein könnte. Das Leben ist nie perfekt, nie fertig. Unser Kopf produziert so viele Ideen und Wünsche, so viele mögliche Katastrophen, doch nichts davon ist das tatsächliche Leben. Konzentrieren wir uns doch auf das, wonach es uns tief im Inneren verlangt – und versuchen wir, unser Handeln in Mikro- und Makroschritten danach auszurichten, entlang des alltäglichen Lebens, das uns zweifellos immer wieder überraschen wird, ob angenehm, neutral oder unangenehm. Dann können wir gar nicht „scheitern“, sondern einfach nur wachsen, jeden Tag ein kleines bisschen mehr. Und dann kann es tatsächlich ein „Jahr voller Wunder“ werden.

* In den kommenden Wochen organisiere ich zwei Workshops zum Thema „Achtsame Kommunikation“: 25.1.2020 in Luxemburg-Stadt (auf Englisch), am 8.2.2020 in Hosingen (auf Deutsch). Es sind noch Plätze frei!

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