von Berenice Boxler

Dezember, es wird kälter, die Feiertage stehen vor der Tür. Es mag sein, dass da gerade eine Achterbahn der Gefühle ihre Runden dreht. Vielleicht ist da Vorfreude oder auch Mitfreude mit den Kindern, Erleichterung angesichts der bevorstehenden Pause, zusätzlicher Stress bei der Arbeit, und vieles mehr. Die Aussicht auf die „besinnliche Zeit“ kann auch eine Menge Erinnerungen aus längst vergangenen Zeiten wecken, ob angenehm oder auch unangenehm. Viele entdecken in dieser Zeit meist unbewusst wieder das Kind in ihnen, besonders wenn ein Besuch bei der Familie ansteht. Und auch das kann wiederum für Bauchschmerzen sorgen – oder für pure Freude.

Etwas fehlt…

Wie auch immer man diese Jahreszeit sieht, man kommt an der ständigen Erinnerung daran nicht vorbei. Beleuchtung, Weihnachtsmärkte, Glühwein und Plätzchen, Adventsfeiern im Büro – doch eine Sache kommt jedes Jahr zu kurz: die Selbstfürsorge. Es fällt schwer, jetzt gut für sich zu sorgen. Ist es sonst schon herausfordernd genug, sich die Zeit und den Raum zu nehmen, um die eigenen Tanks aufzuladen, so ist es nun umso schwieriger. Vielleicht haben wir bereits erkannt, dass wir nur die liebende und sorgende Person, Mutter, Sohn, Partner, Freundin sein können, die wir sein möchten für andere, wenn es uns selbst gut geht. Wir können einfach nichts von unserer Liebe, Geduld, Zuwendung geben, wenn wir selbst am Ende sind. Vielleicht haben wir also schon ein paar Oasen der Fürsorge und Pflege für uns gefunden. Aber warum ist es oft so schwer, auf uns zu achten?

Besonders jetzt, wo unser Durchhaltevermögen gefragt ist…

Hindernisse sind überall

Zunächst einmal fällt die Routine weg. Wo normalerweise der Arbeits- und Lebensrhythmus mehr oder weniger regelmäßig ist, werden die Tage nun ständig unterbrochen von Jahresabschlussfeiern, Schulgesprächen, Geschenk-Einkäufen etc. Da kann das Sportprogramm noch so gut geplant sein, es wird dennoch meist einer vermeintlich wichtigeren Sache geopfert.

Versuchungen lauern überall. Der Kollege bringt einen Stollen mit. Die Kinder wollen Plätzchen backen. Die Freundin lädt zum Adventskaffee. Das Weihnachtsessen wird lange im Voraus geplant. Auch wenn wir uns noch so sehr bemühen, endlich einmal weniger Zucker zu konsumieren oder doch zumindest generell nicht über unseren Hunger zu essen, so ist das jetzt fast unmöglich. Und das tut unserem Körper natürlich gar nicht gut.

Unsere Gedanken wollen uns ständig davon überzeugen, dass wie keine Zeit haben für eine Pause. Es gibt jetzt einfach Wichtigeres zu tun. Wir und unser Wohlbefinden sind gerade nicht prioritär, es ist einfach so viel zu erledigen. Die anderen erwarten eine Rückeinladung von mir. Ich muss bei der Weihnachtsfeier zumindest ein Glas Wein mittrinken, was denken sonst die anderen? Das ist selbst gebacken, da darf ich doch nicht ablehnen… Und so weiter und so weiter.

Nicht zu unterschätzen sind auch bestimmte sogenannte „heiße Punkte“ in uns, die ausgelöst werden durch Erinnerungen oder Gedankenmuster. Vielleicht steht ein Treffen mit der Familie an, und es baut sich Nervosität auf? Schließlich soll es ja friedlich sein, aber in einer Familie gibt es einfach auch immer wieder Schwierigkeiten und alte Wunden – aber „bloß nicht an Weihnachten!“. Oder das Jahresende beinhaltet eine Reflektion über die vergangenen Monate – und wo wir angeblich „gescheitert“ sind in unseren Vorhaben vom Januar 2018 und in unseren Erwartungen über uns und unser Leben. Dieser emotionale Stress wiederum ist oft nicht einfach zu (er)tragen, besonders nicht ohne eine stabile Achtsamkeitspraxis. Und auch dann ist es alles andere als einfach.

Schritt für Schritt

Um trotzdem das eigene Wohlbefinden nicht aus den Augen zu verlieren, ist es wichtig, sich immer wieder klar zu machen, dass der wichtigste Mensch in unserem Leben wir selber sind. Und das hat rein gar nichts mit Egoismus zu tun, sondern vielmehr mit ganz viel Liebe und Fürsorge und Miteinander, das wir nur teilen können, wenn wir es zunächst einmal selbst haben. Vielleicht hilft eine Intention, am Morgen gesetzt, um dem Tag eine bestimmte Richtung zu geben. Zum Beispiel: „Möge ich heute gut auf mich und meinen Körper achtgeben und mir erlauben, immer wieder innezuhalten.“ Es ist sinnvoll, Schritt für Schritt vorzugehen und sich nicht zu viel vorzunehmen.

Selbstfürsorge praktizieren – und die Gedanken vorüberziehen lassen

Es ist nicht immer möglich, ausgedehnte Erholungspausen einzurichten oder das ambitionierte Sportprogramm durchzuziehen. Aber es gibt viele andere Möglichkeiten, immer wieder aufzutanken.

Ich benötige eine Pause? Dann mache ich vielleicht das Fenster kurz auf. Ich trinke einen Tee. Ich ziehe mich zum bewussten Atmen in einen ruhigen Raum zurück. Ich lese ein paar Seiten; dehne den angespannten Körper.

Ich benötige etwas Freundlichkeit? Dann lächle ich mich selbst im Spiegel an und lege meine Hand auf das Herz (und aktiviere so das „Kuschelhormon“ Oxytocin!). Ich wünsche mir, gesund zu sein und mich geborgen zu fühlen. Ich rufe eine Freundin/einen Freund an. Ich mache mir klar, dass auf Regen auch immer wieder Sonne folgt, früher oder später.

Ich kann versuchen, darauf zu achten, womit ich meinen Körper nähre: Vitamine, Nahrung, Medienkonsum, Geräusche, Bewegung, Schlaf, etc. Es wird nicht immer so gehen, wie ich mir das wünsche, und ich darf mir natürlich das Stück Stollen schmecken lassen. Aber mit mehr Bewusstheit wird es einfacher sein zu bemerken, was ich jetzt wirklich brauche und aus welchem Grund – und wann es zu viel ist.

Und wenn die Gedanken mich antreiben? Dann kann ich versuchen, innezuhalten und mich zu fragen: Ist das, was meine innere Stimme mir gerade erzählt, wahr? Ist es hilfreich? Und ist es freundlich? Schon bei einem einzigen ehrlichen „nein“ als Antwort können wir uns erlauben, diesem Gedanken nicht gehorchen zu müssen. Es ist einfach nur ein Gedanke. Sonst nichts.

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