von Berenice Boxler.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe den Wald, durch den ich heute früh gegangen bin. Die Natur bietet aktuell so viel Farbe und Leben, Temperatur und Fülle. Auch im Garten kommen die Blüten heraus oder sind schon übergegangen in das Verwelk-Stadium.

Es gibt so viel Spannendes zu betrachten, ob in der Natur, in den Gesichtern der Menschen, im Fernsehen, im Urlaub. Gewöhnlicherweise sind wir Menschen so im Außen beschäftigt, dass eine Innenschau zunächst einmal seltsam und unnötig wirkt. Auch in meinen Kursen und Workshops bemerke ich regelmäßig Stirnrunzeln und Unverständnis, besonders zu Beginn: „Weshalb sollte ich die Augen schließen und spüren, wie mein Körper atmet? Warum sollte ich meine Gedanken und Gefühle wahrnehmen wollen?“

Das Leben im außen

Der visuelle Sinn ist so stark, dass wir ständig nach außen blicken. Daran ist nichts falsch, so wachsen wir auf und so ist das Leben: bunt, vielfältig, Aufmerksamkeit erregend, ständig in Bewegung. Allerdings kommt es zuweilen zu einer Überreizung. Wenn meine Kinder ständig um mich herumhüpfen, fühle ich mich gestresst. Und wenn es am Essenstisch ein einziges Gezappel gibt, dann schmecke ich nichts mehr. Aber andere sind weniger empfindlich als ich, das ist mir klar. Dennoch habe ich das Gefühl, dass ich meinem Gehirn durch das Sehen ständig neue Impulse schicke und es so nie zur Ruhe kommen kann.

Das Leben im Außen kann zudem enorm anstrengend werden, wenn nicht nur visuell, sondern auch mental immer nach außen geblickt wird: Was denken die anderen von mir? Wie sehe ich aus? Wie muss ich mich präsentieren, um angenommen zu werden? Es passiert leicht, dass das eigene Leben mit diesem Filter der Fremdbetrachtung zu einer Rolle wird und sich immer weiter von dem entfernt, was es eigentlich ist. Diese Ausrichtung nach außen ist anerzogen, gesellschaftlich bedingt und Ausdruck des fundamentalen Wunsches eines jeden Menschen, dazuzugehören.

Weshalb nach innen schauen?

Wenn diese Außenorientierung nun zum einzigen Maßstab des Lebens wird, dann kann es sein, dass sich irgendwann eine leise Stimme meldet, die sagt: „Und ich? Was ist mit mir?“ Das muss nicht sein, viele sind zufrieden mit ihrem Leben oder haben sich einfach eingerichtet in ihrer Welt und ihren Gewohnheiten. Das ist völlig in Ordnung – aber für manche nicht genug.

In der Achtsamkeitspraxis lernt man, die innere Landschaft wahrzunehmen. Und die ist reichhaltig: Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, Handlungsimpulse … Das Leben ist so spannend, wenn wir uns öffnen für alles, was da ist: außen UND innen.

Und warum sollten wir nach innen schauen? Weil das Innere, unsere Denkmuster und Antriebe, unsere Emotionen und auch unser gegenwärtiger Zustand des Körper – dies alles bestimmt, was wir tun und wie wir es tun. Es bestimmt, wie sehr uns jemand nervt oder wir intensiv wir uns über eine liebe Geste freuen. Es beeinflusst, wie wir uns fühlen und ermöglicht ein Verständnis, weshalb es uns so geht, wie es uns geht. Und daraus entsteht eine Entscheidung zu einer Handlung, die sinnvoller und hilfreicher sein wird als ein unbewusster Impuls.

Die einzige Kontrolle, die wir haben, ist über uns selbst

Das Leben außen lässt sich nicht kontrollieren oder vollständig planen. Aber wäre es nicht schön, das innere Leben zu kennen und zu lernen, dieses zu kontrollieren? Fast alle Kursteilnehmer kämpfen damit, für die Achtsamkeitspraxis Zeit zu finden bzw. sich zu nehmen. Es dauert oft eine Weile, bis das Verständnis für das „Warum“ entsteht – und meist noch etwas länger, bis eine Überzeugung entsteht, dass genaue diese 2, 5, oder 15 Minuten der regelmäßigen Innenschau zutiefst bereichernd sind und sehr hilfreich für das Leben im Außen sein können.

 

Jane Fulton Alt, eine amerikanische Fotografin, sagt: „Wir müssen nach innen gehen anstelle nach außen, und lernen, unserem eigenen inneren Kompass zu folgen, dabei bewahren wir unsere Identität und finden die Antworten von innen heraus.“

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