von Berenice Boxler 

Wir kommunizieren täglich unzählige Male. Von Angesicht zu Angesicht oder schriftlich per Mail, SMS oder anderweitig. Menschen teilen mit, was sie erlebt haben oder was ihnen wichtig ist, sei es nur der besten Freundin oder einer anonymen Menge an Followern. Ohne unsere Fähigkeit an Kommunikation ist ein soziales Miteinander kaum vorzustellen.

Die Frage nach dem Warum

Warum möchte ich meiner Verwandtschaft mitteilen, dass ich gerade wunderbare Ferien in einem grandiosen Schneedomizil verbringe? Weshalb rufe ich eine Freundin an und schütte ihr mein Herz voller Liebeskummer aus? Aus welchem Grund frage ich meine Kinder jeden Tag, wie ihr Tag war?

Die Frage nach dem „warum“ einer Mitteilung oder eines Gesprächs führt in unser Inneres, in unsere innere Landschaft. Es gibt unzählige Gründe, weshalb wir uns mitteilen möchten: gehört werden, die Mitfreude oder das Mitgefühl des anderen spüren, verstanden werden, gemocht oder anerkannt werden, sich anderen gegenüber absetzen (Bedürfnis nach Überlegenheit), Gemeinschaft, Nähe, etc. Jeder Handlung liegen ein oder auch mehrere Bedürfnisse zu Grunde, die befriedigt werden möchten – auch wenn uns das oft gar nicht bewusst ist.

Hier kommt die Achtsamkeit ins Spiel: Wahrnehmen, weshalb ich reden möchte. Bin ich einsam? Berste ich vor Stolz und Freude und will es rauslassen? Brauche ich Verständnis? Dieses Bewusstwerden des inneren Zustands von Gefühlen und Gedanken (und des körperlichen Befindens) kann stark beeinflussen, wie und mit wem wir sprechen – und ob es gerade der richtige Zeitpunkt ist.

Die Bedürfnisse mancher Menschen werden auch immer wieder dem eigenen Wertempfinden entgegenstehen. Kennt ihr Personen, die gerne und oft mit ihren Errungenschaften prahlen oder sich selbst immer ins beste Licht rücken? Auch ist es nicht einfach, harsche Kritik am eigenen Verhalten oder der Arbeit zu hören. Aber auch diese Personen erfüllen ein inneres Bedürfnis: Anerkennung, Abgrenzung, Selbstwertgefühl hochhalten, eigener Perfektionismus, oder etwas ganz anderes. Mit einer achtsamen Haltung können wir das einfach erkennen, ohne es zu bewerten.

Das bewusste Erkennen der inneren Landschaft im gegenwärtigen Moment birgt die große Möglichkeit, wacher zu sein für unser Sprechen und sinnvoller in unserer Auswahl von Zeit, Zuhörer und Inhalt.

Der Inhalt: was sagen wir?

Es gibt eine Geschichte von Sokrates, der einen anderen Menschen auffordert, seine Geschichte zunächst durch die drei Siebe zu schicken: Wahrheit – Güte – Notwendigkeit. Als die Geschichte der Prüfung nicht standhält, sagt Sokrates: „Also, wenn es weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit.

Auch in anderen Traditionen finden sich „Merkmale einer weisen Rede“. Wenn wir unsere Redegewohnheiten einmal dahingehend überprüfen, ob das, was wir mitteilen wollen, wahr, freundlich und tatsächlich notwendig zu erzählen ist, dann ist da einfach kein Bedarf mehr an Klatsch und Tratsch, an Beschuldigungen und sinnlosem Gerede. Das mag in der Praxis nicht einfach umzusetzen sein. Mir hat diese Frage („Ist es wahr, freundlich und notwendig?“) schon oft dabei geholfen, nicht über andere nur vom Hörensagen zu reden, impulsiv das harsche Wort zu äußern oder Geplänkel zu halten, wenn der andere gerade einfach nur seine Ruhe haben wollte.

Die Grundlage: Wie sprechen wir?

Die Art und Weise, wie wir reden, ist nicht minder wichtig wie der Inhalt. Spreche ich aus einem Zustand von Ärger oder Enttäuschung heraus, dann wird mir nicht gerne zugehört. Der andere gerät in einen Kampf-oder-Flucht-Modus und ist gekränkt, beschämt oder ebenfalls verärgert – und ich erreiche nichts, schon gar nicht Verständnis oder Kooperation. So ist eine sinnvolle Kommunikation nicht möglich und eine Distanz entsteht.

Besonders die Kinder haben feinste Antennen dafür, wie es einem geht. Unsere Körpersprache und unser Tonfall verrät es ihnen direkt. Meine Aufforderung („Jetzt räum endlich dein Zimmer auf!“) wird verpuffen und auf Gegenwehr stoßen. Wenn ich mir aber meiner Stimmung bewusst bin und mir vornehme, nicht aus Ärger heraus zu sprechen, dann warte ich ab – und sorge gut für mich zur Beruhigung –, bis ich in der Lage bin, Bestimmtheit und Freundlichkeit zu verbinden. Das mag dann so aussehen: „Wow, hast du kreativ gespielt! Willst du so viele Koffer mit auf Reisen nehmen? Wo geht es denn hin? … Wenn du dann fertig bist mit spielen, dann müssen die Koffer bitte wieder zurück geräumt werden, sonst kann das Zimmer morgen nicht geputzt werden.

Es ist nicht einfach – aber sehr lohnenswert – sich vorzunehmen, niemals zu sprechen, wenn man verärgert ist. Höchstens ein „Ich bin sehr verärgert und brauche jetzt etwas Zeit für mich. Wir reden später darüber.“ ist hilfreich, alles andere aber verhilft uns nicht zu dem, was wir brauchen. Ein Sprichwort sagt: „Ärger ist wie glühende Kohlen: er verbrennt uns selbst und den anderen“ – eben wenn wir die Kohlen mit unseren Worten oder Taten auf den anderen werfen.

Achtsame Kommunikation braucht Übung

Unsere Kommunikation ist geprägt von Gewohnheiten, Konditionierungen und Gedankenmustern. Wir können aber lernen, dieses große Schiff der Rede langsam aber sicher in eine ruhigere See zu steuern, in der es nicht so viele Eisberge und Piraten gibt. Das braucht Zeit und Übung, aber es lohnt sich ungemein.

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