von Berenice Boxler.

Es ist wieder so weit, der Sommer ist da! Ferien und Urlaub, weniger Stau auf den hiesigen Straßen, Planschbecken im Garten und Sonnencreme. Vieles ist jetzt einfacher und es ist mancherorts eine kleine Entspannung zu spüren. Da ist oft weniger Zeitdruck morgens, ruhigere Fahrten zu Terminen und mehr Eis in der Nachmittagssonne. Ach ja, und keine Hausaufgaben! Anderes bleibt wie immer: waschen und einkaufen, Emails abarbeiten, Verwaltung, Kinderzimmer aufräumen und das Auto von Insektendreck befreien.

Routinen geben Halt

Routinen geben uns Halt, denn sie geben dem Tagesablauf einen Rahmen. Ohne Routinen – auch wenn sie längst nicht immer eingehalten werden – wäre es schwieriger, den Tag zu überstehen. Besonders Kinder halten sich unbewusst an diesen Routinen fest und können so ein Gefühl von Sicherheit und Struktur entwickeln. Es gibt eine Morgenroutine, eine „Wir kommen nach Hause“-Routine, und natürlich wäre der Abend ohne diesen festen Rahmen ein einziges Chaos. Aber auch ich weiß die Struktur der Woche zu schätzen: es gibt Einkaufs-Tage, Kreativ-Tage, Sport-Tage, etc.

Der Mensch funktioniert mit Routinen und Gewohnheiten, und es kann den Alltag enorm erleichtern, wenn eine gewisse Struktur quasi als feste Größe im Hintergrund besteht.

Und nun ist der Sommer da, die großen Ferien … und die etablierten Routinen fangen an zu bröckeln. Dann dürfen die Kinder auch nach dem Abendessen noch raus, da sind die Schlafenszeiten später und die wöchentliche Eisquote blitzschnell erhöht, und ohne Hausaufgaben lebt es sich noch unbeschwerter. Es ist völlig in Ordnung und auch notwendig, dass Routinen und Regeln immer wieder auf ihre aktuelle Sinnhaftigkeit überprüft werden. Nur weil etwas „immer“ so war, muss es nicht automatisch jetzt (noch) richtig und hilfreich sein. Besonders Ferienzeiten laden dazu ein, alles etwas entspannter anzugehen.

Fehlende Routine als Garant für Schwierigkeiten…

Schwierig wird es aber dann, wenn Familienmitglieder unterschiedlich frei haben. Meine Pause ist nicht acht Wochen lang, und ich muss und möchte meine Tätigkeit weiterführen. Und nur weil die Kinder (theoretisch) ausschlafen können, bedeutet das nicht, dass das Büro meines Mannes plötzlich andere Kernarbeitszeiten hat. Nicht nur unterschiedliche Tagesrhythmen können hier Schwierigkeiten hervorrufen, auch die unbewusste Übertragung von eigenen Stimmungen und Wünschen auf andere sind oft herausfordernd. „Kann ich ein Eis?“ höre ich zurzeit beinahe täglich, und am liebsten würden sie den ganzen Tag mit mir spielen. „Ich habe aber keine Lust, mit einkaufen zu gehen!“ ist ein anderer Ferien-Klassiker.

… und die Kraft von Ritualen

Hier kommen Rituale ins Spiel. Eine Routine nämlich kann schnell zum Selbstläufer werden: Es ist eine meist automatische Handlung, geboren aus einer Entscheidung und dann weiterentwickelt zu einer Gewohnheit bzw. Regel. Sobald aber die äußeren Umstände ändern, fällt es oft schwer, Routinen einzuhalten, und Diskussionen und Frustration sind vorprogrammiert. Ein Ritual hingegen ist ein ganz bewusstes Durchführen einer Handlung, die es ebenfalls ermöglicht, dem Leben einen festen Rahmen zu geben – aber unabhängig von der Saison oder allgemeinen äußerlichen Begebenheiten. Ein Ritual wird durchgeführt, weil es eine nährende und sinngebende Bedeutung hat. Es ist eine selbstgewählte und ganz individuelle Vorliebe, die aus dem tiefen Gefühl entstanden ist: Ja, das tut mir gut. Und natürlich unterliegen auch Rituale Veränderungen, aber diese sind stets bewusst gewählt und den aktuellen Bedürfnisse angepasst. Ein Ritual ist etwas, was ich mir selbst aussuche – das muss auch keiner wissen oder befürworten – um mir meinen eigenen Tag bewusster zu gestalten.

Beispiele in meinem Leben sind die Art und Weise, wie ich den Tag beginne: Noch im Bett die Sinne erwecken („Steh niemals auf, bevor du nicht vollkommen wach bist.“ sagt Jon Kabat-Zinn), ein paar Mal bewusst atmen, ein Glas Wasser trinken, den Körper etwas dehnen und dann meditieren. Und da ist es nicht so wichtig, wieviel Zeit mir die gegenwärtigen Umstände dafür ermöglichen – ich passe mich da an. Ein anderes Ritual ist, dreimal bewusst zu atmen, bevor ich den Motor des Autos starte. Mir vornehmen, den ersten Bissen einer jeden Mahlzeit wirklich zu schmecken. Abends eine kurze Reflektion und Dankbarkeitsübung zu machen, und weitere kleine Rituale, die mich immer wieder auf die Gegenwart einstimmen und mich zurückholen zu dem, was wirklich wichtig ist: das Leben, so wie es jetzt gerade ist. Und da ist es ganz egal, ob es Sonntag, Kurs-Tag oder Reisetag am Urlaubsbeginn ist.

Wenn Routinen sich verändern oder nur schwer einzuhalten sind, sind es die Rituale, die den roten Faden weiterhin sichtbar machen.

 

So wie es ist

Da ist ein Faden dem du folgst. Er führt mitten durch die Dinge,

die sich verändern. Er selbst jedoch ändert sich nicht.

Die Leute fragen sich, wonach du strebst.

Dann musst du von dem Faden sprechen.

Doch andere können ihn kaum sehen.

Während du den Faden hältst, kannst du dich nicht verirren.

Tragödien ereignen sich; Menschen werden verletzt

Oder sterben, auch du leidest und wirst alt.

Die Zeit entfaltet sich. Du kannst nichts dagegen tun.

Du lässt den Faden niemals los.

William Stafford

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