von Berenice Boxler.

Da ist Müdigkeit, eine tiefe Erschöpfung, die nichts mit dem langen Spaziergang gestern zu tun hat oder mit der Tatsache, dass der Schlaf unterbrochen wurde. Sicher liegt es auch am Wetter, an der dunklen Jahreszeit, oder an der Aussicht auf eine baldige Pause, dass der Körper mir mit jeder Faser sagt: Jetzt ist auch mal gut! Aber es ist nicht nur der Körper. Deutlich wird es mir jeden Morgen: ich wache auf, mein Kopf springt an und geht die Aufgaben des Tages durch. Und ich bemerke diesen erleichterten Seufzer tief in mir, wenn der Abend unverplant ist.

Das Jahr neigt sich dem Ende zu

Um diese Jahreszeit ist das wohl normal. Planung der Feiertage und Reisen, Geschenke besorgen, noch schnell Winterschuhe kaufen, überall Adventsfeiern und Weihnachtsmärkte – die oft doch einen gewissen Anwesenheitsdruck inklusive Backen bedeuten – regelmäßig Matschhosen und Schuhe waschen, dabei nicht ständig nach Zucker greifen, und so weiter. Ja, es ist viel (besonders fürs Gehirn) und ermüdend, das Jahr fühlt sich lang an und es macht etwas mit einem, ein Jahresende vor sich zu haben. Auch wenn man sich das vielleicht nicht klar eingestehen möchte oder Sylvester nicht gefeiert wird, eine Art Zwischenbilanz wird unbewusst gemacht und das signalisiert dem ganzen Organismus: Pause. Und das lässt der sich nicht zweimal sagen und fährt langsam aber sicher runter…

Mit Planung durch die Tage

Meine Wochen sind immer verplant, im Dezember wie im Mai: sonntags überlege ich mir die beruflichen und privaten Prioritäten der nächsten Woche, ich plane Zeiten ein für Sport und fürs Einkaufen, für Chauffeurdienste für die Kinder und was sonst noch an Terminen ansteht. Mein Gehirn arbeitet organisatorisch und analytisch, und Pläne aufzuschreiben hilft mir, den Kopf für anderes frei zu haben. Wenn to-do-Listen oder Pläne aber zu starr sind, kann das ganz schnell zu Schwierigkeiten führen. Das musste ich in der Vergangenheit oft festellen: da kam es regelmäßig zu großer Enttäuschung oder Frust und Gereiztheit, wenn ich meinen Tagesplan nicht erfüllt hatte.

Das Leben verläuft nicht geradeaus

Aber: Das Leben läuft einfach nicht nach Plan. „Life is what happens to you while you are busy making other plans.” sagte John Lennon (Leben ist, was einem passiert, während man damit beschäftigt ist, Pläne zu machen.). Recht hat er. Trotzdem mache ich weiter Pläne, aber sie sind zunehmend flexibel, eher ein Wunsch-Plan: Ich würde heute gerne diesen Artikel anfangen zu schreiben (was schon sehr viel bedeuten kann, weil ich nie weiß, wie lange das dauert), von einem Kurs zwei Einheiten durchgehen und aktualisieren und 20 Minuten Sport machen. Ach ja, einkaufen steht auch noch auf dem Plan. Lesen und Meditieren dagegen nicht, das mache ich immer zu festen Zeiten oder wenn mein Kopf eine Pause vom PC braucht.

Nein, das ging nicht über Nacht. Es braucht Zeit und viel Probieren, um seinen eigenen funktionierenden Arbeitsrhythmus zu finden. Und es klappt auch nicht immer so gut. Außerdem gibt es ja auch noch Vorgaben von Chefs oder feste Rahmen oder Arbeitszeiten. Oder es kommt eine wichtige E-Mail rein, die ungeplant 30 Minuten der Zeit in Anspruch nimmt. Daher gibt es da kein richtig/falsch oder besser/weniger sinnvoll. Es ändern sich auch immer die inneren und äußeren Umstände, so dass ein Plan einfach flexibel und anpassungsfähig sein muss.

Stop – die Arbeit ruhen lassen – lauschen

Was aber immer hilfreich ist, ist innezuhalten und zu spüren, was jetzt wirklich gerade richtig oder notwendig ist. Einfach nur beobachten, ohne zu bewerten oder zu kritisieren.

Das könnte so aussehen:

Mein Körper signalisiert mir deutlich, dass er erschöpft ist. Weshalb das so ist oder ob es mir gefällt, ist eigentlich nicht wichtig. Es ist einfach so. – Das bedeutet, dass mein üblicher Sportplan angepasst wird an das, was mein Körper jetzt braucht. Z.B. Kürzere Einheit, Ruhetag, Massage statt Krafttraining, mehr Schlaf.

Das nasskalte Wetter schlägt auf die Stimmung, ich fühle mich draußen sehr unwohl. – Vielleicht nehme ich mir in den nächsten Tagen mehr Zeit, um mit einer Teetasse und Weihnachtsbeleuchtung eine gemütliche Lesestunde auf dem Sofa abzuhalten.

Ich bemerke, dass die Feiern und die Back-Aufforderungen mich leicht stressen. – Ich beschließe, einfache und mir bekannte Rezepte zu benutzen, weil ich niemandem etwas beweisen muss. Es geht um das Miteinandersein und Teilen, nicht um einen Wettbewerb.

Überall gibt es Schokolade und Plätzchen, und es fällt mir schwer, „nein, danke“ zu sagen. Mein Körper zeigt mir, dass er wirklich genug Zucker hatte für diese Woche. – Ich versuche, die Signale und das Wohlgefühl meines Körpers wichtig genug zu nehmen, um etwas kürzer zu treten. Ganz aufzuhören ist wohl unrealistisch, aber vielleicht reicht ein Stück pro Tag?

Jetzt und hier – es gibt nichts anderes

Um das Leben wirklich zu leben, führt kein Weg daran vorbei, immer mal wieder in der Gegenwart vorbeizuschauen. Wie ist es jetzt? Was ist jetzt gerade wichtig? Ja, ein Plan kann ein hilfreicher Rahmen sein. Aber es wird einfach ganz oft nicht so klappen wie geplant. Letztes Jahr verbrachte ich fast den ganzen Heiligabend im Bett: eine Magenverstimmung hatte mich umgehauen. Die Kinder schmückten den Baum alleine, mein Mann organisierte den Einkauf, und ich lag stundenlang in einer sehr ruhigen Wohnung und schwankte ständig zwischen schlechtem Gewissen, körperlichem Unwohlsein und Genießen der Ruhe. Aber da war auch ganz viel Akzeptanz: so ist es jetzt einfach.

Jetzt ist mein Körper wieder müde, er zeigt es mit verschiedenen Wehwehchen und allgemeiner Schlappheit. Das fühlt sich nicht unbedingt gut an, aber es ist in Ordnung! Er darf müde sein nach der enormen Leistung, die er jeden Tag vollbringt. Aber auch mental darf da Erschöpfung da sein: es war viel in den letzten Wochen und ich merke, dass ich mir nicht viele Pausen erlaubt habe, um das jeweils zu spüren – und dann wieder gehenzulassen. Da ist noch vieles aufgestaut und der Körper fordert nun die Pause ein, um dem Organismus den benötigten Raum und etwas Ruhe zu verschaffen. Was für ein Wunder, dieses Menschsein!

Meine Einladung für die kommenden Tage

Immer wieder innehalten, nach innen lauschen, spüren was da zu spüren ist, den Signalen des Körpers und der Intuition vertrauen und sich erlauben, auch mal nichts zu tun.

Und aus diesem Raum heraus dann genießen, sich freuen, für sich sorgen, sich zurückziehen oder sich öffnen, sich streiten oder sich lieben, sich unsicher fühlen, sich erden, teilen, da sein für das Leben in diesem Augenblick.

 

“Der wichtigste Ratschlag, den ich geben kann? Ganz einfach: Stop. Nur für diesen Moment. Lass die Arbeit ruhen. Und schau.“

Leo Tolstoy

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