Neuanfänge – Herausforderungen und Chancen

Kürzlich standen zahlreiche Neuanfänge in unserem Leben an: Ein Umzug in ein anderes Land, in ein anderes Haus, in ein vollkommen anderes Leben. Eine neue Art des Familienlebens. Schulanfang in einer neuen Schule und in einer neuen Sprache. Mehr Platz hier, weniger Stauraum dort. Ausmisten, aufbauen, verstauen, loswerden. Und immer kommt jeden Tag etwas Neues hinzu, sei es ein defekter Computer oder ein Arzttermin. Auf diesen großen Umzug haben wir uns lange vorbereitet, administrativ und emotional – letzteres vor allem zusammen mit den Kindern.

 

Es war eine große Veränderung, die vorher, währenddessen und jetzt auch immer noch viel Kraft kostete, besonders weil kleine Menschen betroffen waren, die unsere Präsenz benötigten, um das Neue um sie herum verstehen und verarbeiten zu können. Wir sagten uns oft, dass es eine Übergangssituation wäre und irgendwann hätte sich alles eingespielt und der Umzug wäre fertig.

Aber um ehrlich zu sein: ist es jemals ganz fertig?

Nein, nichts ist jemals fertig und abgeschlossen. Die achtsame Haltung zum Leben sieht alles als einen Neuanfang. Alles ist frisch, noch nie dagewesen, und die Einladung ist hier, den Anfängergeist nicht aus den Augen zu verlieren. Offen bleiben, neugierig bleiben, nicht allzu viele Pläne und Erwartungen haben, wie etwas zu sein hat. Jeder Atemzug ist ein neuer Anfang, jeder Morgen ist vollkommen frisch und unbelegt.

 

Es gibt keinen Unterschied zwischen Wochenende und Wochentage, zwischen normalen Tagen und Ferien: es gibt nur Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang. Schätze es wert und genieße.

Dieser Spruch aus dem Internet bringt es auf den Punkt. Es gibt keine besonderen Situationen, keine Übergangsphasen, keine Ausnahmen, nachdem alles wieder „läuft“ wie geplant. Die achtsame Lebensweise betrachtet jeden Tag, jeden Moment als etwas vollkommen Neues, und nur ein offenes und neugieriges Herz ist in der Lage, der Fülle des Lebens gerecht zu werden. Nur mit dieser uneingeschränkten Präsenz, das Leben und jeden Moment so zu nehmen, wie er ist, ist es möglich, von den Wellen nicht überrollt zu werden. Natürlich ist es hilfreich, Projekte wie beispielsweise einen Umzug zu planen, so gut es eben geht. Doch es ist wichtig, dabei nicht zu vergessen, dass es oft anders kommt als geplant und dass die Achtsamkeit dabei helfen kann, alles mit freundlicher und interessierter Präsenz anzunehmen.

 

Dieses innere Vertrauen und Wissen, mit allem sein zu können, kann der vielzitierte Fels in der Brandung des Lebens sein, gerade bei großen Veränderungen. Diese Haltung versuche ich, durch regelmäßige Meditation und Praxis zu erlangen.

Das ist eine lebenslange Aufgabe, ein Ende gibt es nicht. Es gibt nur Sonnenaufgang und dann Sonnenuntergang, und wieder Sonnenaufgang, und dazwischen eine unendliche Anzahl an Momenten, an Leben.

Selbstfürsorge – nicht egoistisch, sondern lebensnotwendig

Es ist vielleicht an der Zeit, einmal zu reflektieren, ob wir mit diesem ständigen Tun, Rennen und Erledigen wirklich glücklich werden können. Ich habe eine sehr intensive Phase von mehreren Wochen (oder eher Monaten, wenn ich ehrlich bin) hinter mir, in der keine Pause möglich war. War das eine erledigt, stand sofort das nächste an. Alles lief sehr gut, ich lieferte ab, erfüllte Erwartungen, hatte Freude an meinem Tun und fühlte auch einen gewissen Stolz darüber, was ich alles geschafft hatte. Es waren wichtige Projekte, jedes einzelne, und jedes einzelne erforderte meine ganze Aufmerksamkeit und gründliche Prüfung. Wenn ich etwas anpacke, dann mache ich das richtig, und das soll man schließlich auch sehen.

 

Folgen einer vernachlässigten Selbstfürsorge

Was auf der Strecke blieb, das war ich, mein Sein, mein Wohlbefinden. Dies ging mehr oder weniger bewusst von statten. Ich gönnte mir keine Pausen, strich Bewegung und mittags abwechslungsreich kochen aus meinem Terminkalender, erteilte meinem Körper und seinen Schreien nach Aufmerksamkeit und besserer Sorgfalt ein striktes Redeverbot und schaffte es gerade noch bis zum (vorläufigen) Ende der heißen Phase, bevor ich mich für ein paar Tage zurückziehen konnte und fernab von allen und allem versuchte wiederaufzutanken – auf einer Fortbildung. Dennoch merkte ich rasch, wie die Stille des Hotelzimmers und die veränderte Umgebung ihre Decke der Beruhigung auf meinen geschundenen Körper und Geist ausbreiteten. Die Schmerzen wurden weniger, die Anspannung ließ Millimeter für Millimeter nach.

Gerade habe ich meinen ersten Kurs beendet, und dieser Kurs war eine große Herausforderung für mich, inhaltlich und emotional. Es machte großen Spaß und ich empfinde tiefe Dankbarkeit für alle Teilnehmer und für meine Lehrer und Kollegen. Letztere haben mir das Vertrauen geschenkt, das Abenteuer Achtsamkeitslehrerin weiter auszubauen, und ohne sie wäre ich jetzt nicht dort, wo ich bin. Doch muss ich mir eingestehen, daß das – meinem Empfinden nach – wichtigste Thema des Kurses auch mein aktuell größtes Thema ist: die Selbstfürsorge. Nicht nur meinen Kursteilnehmern fiel es schwer, sich zu erlauben, auch nach sich zu sehen und nicht nur nach den Kindern oder dem Partner oder einfach den anderen. Selbstfürsorge, einfach einmal nur sein, das tun, was mir gut tut, ohne etwas erreichen zu müssen, ohne ein Ergebnis vorzeigen zu müssen, lesen, spazieren gehen (warum nicht einmal barfuß und es wirklich spüren?), puzzlen, mit Ruhe und Genuß essen, meditieren, mich zurückziehen, etc. – warum fällt es mir so schwer? „Das fühlt sich egoistisch an.“ „Bestimmt denken die anderen, ich wäre total faul.“ „Dafür ist keine Zeit.“ „Das kann ich mir nicht erlauben, es ist so viel Wichtigeres zu erledigen.“

 

NEIN.

 

Es gibt nichts Wichtigeres als Selbstfürsorge.

Es gibt nichts Wichtigeres als Selbstfürsorge. Ja, ich kann mich nicht drei Stunden am Tag aus dem Alltag ausklinken und einfach die Seele baumeln lassen. Ja, ich kann meine Kinder nicht zwei Stunden vor den Fernseher setzen, nur weil ich eine kleine Auszeit brauche. Aber nein, ich muss jetzt nicht die Wäsche waschen, wenn mein Kleiner schläft, sondern ich kann ein Buch lesen und die Ruhe genießen. Und nein, ich muss nicht dreimal hintereinander den Lego-Turm aufbauen sondern kann auch sagen, dass ich gerne wieder dabei bin, wenn ich meinen Kaffee getrunken habe solange er noch warm ist. Selbstfürsorge bedeutet auch, genügend Schlaf zu bekommen und der körperlichen Erholung Priorität zukommen zu lassen. Selbstfürsorge schließt ein, dem Körper möglichst nährenden Kraftstoff zukommen zu lassen und nicht nach einem stressigen Tag automatisch nach der Tafel Schokolade zu greifen. Und es bedeutet auch, sich nicht selbst zu verurteilen, wenn die Schokolade doch leer ist am Ende des Tages oder wenn ein lautes Wort herausgerutscht ist. Selbstfürsorge meint, gut und liebevoll für sich zu sorgen, auch verbal. Selbstmitgefühl kann hier eine große Hilfe sein, wenn es gerade nicht so gut läuft.

Wenn es noch nicht deutlich genug geworden ist: Selbstfürsorge ist das einzige Mittel, um im Alltag anderen Menschen mit Freundlichkeit, Offenheit und Akzeptanz begegnen zu können. Wenn es uns nicht gut geht, dann sind wir nicht auf Empfang oder auf Geben eingestellt, sondern dann sind wir im Überlebensmodus. Und hier sind wir wirklich keinem ein angenehmer Zeitgenosse und können auch nicht eine geduldige Mutter, ein mitfühlender Vater oder ein liebender Partner sein, so sehr wir uns auch bemühen und edle Absichten haben. Zuerst müssen wir die eigene Sauerstoffmaske aufsetzen, wie es uns im Flugzeug gezeigt wird, nur dann können wir für andere da sein.

 

Es wird Zeit, einmal auszuprobieren, wie sich das Leben anfühlt, wenn mehr „Sein“ und weniger „Tun“ den Alltag bestimmen. Genau jetzt ist ein guter Moment, um anzufangen.