von Berenice Boxler.

Bald stehen die Geburtstage meiner Kinder an, und Geduld ist nicht unbedingt eine Stärke, die sie schon ausreichend gelernt haben. Oder nehmen wir die kleine Reise in den nächsten Ferien. „Wie viele Tage noch?“ Dann wird auch mal gequengelt oder fünfmal das Gleiche gefragt. Und da sie mit Monaten oder hohen Zahlen noch nicht so viel anfangen können, wird auch mal in kreativen Einheiten gerechnet: „Noch zweimal „Bësch“ mit der Klasse, dann ist es soweit.“

Aber wir Erwachsenen sind nicht besser, wir kaschieren unsere Ungeduld oft nur geschickter: Wir zücken das Handy, wenn wir irgendwo warten müssen. Wir lenken uns ab mit Fernsehen, Aktivitäten oder Essen. Wir fragen nach, ob der andere unsere Mail auch wirklich bekommen hat, wenn er es wagen sollte, nicht innerhalb von ein paar Tagen zu antworten.

Nie hier, sondern immer auf dem Weg dorthin

Oftmals sind wir auf dem Weg irgendwohin oder wir treiben uns an, um an einen bestimmten Punkt zu gelangen. Dadurch verpassen wir das Hier, da unser Blick nur dorthin geht. Ein Gefühl von Ungeduld stellt sich schnell ein: an der Bushaltestelle, bei einer Verabredung, beim Gedanken an den bevorstehenden Urlaub. Wir werden mit Widerstand, Hadern und Lösungsversuchen konfrontiert, denn Ungeduld hat als Basis die Überzeugung: Der Moment, so wie er jetzt gerade ist, ist nicht gut genug. Also warte ich, bis es anders wird bzw. ich woanders bin.

Was ist Geduld?

Was ist Geduld eigentlich? Das Herkunftswörterbuch bezeichnet es als „Langmut, Ausharren“, hergeleitet von „dulden“ (tragen, ertragen). Als geduldig wird ein Mensch angesehen, wenn er warten kann auf etwas, ohne zu murren. Aber da schwingt auch ein Hauch von Verbot mit und die Aufgabe, etwas ertragen müssen, was man eigentlich nicht möchte. Allein die Worte „warten“ oder „ausharren“ beinhalten, dass es ein Ziel gibt, auf das man eben wartet.

Dabei ist Geduld so viel mehr als sich zusammenzureißen und abzuwarten.

Geduld ist eine Form von Weisheit, eine Art inneren Wissens, dass sich alles entfaltet, wenn der richtige Moment gekommen ist. Geduldig zu sein heißt, den Gleichmut und die Ausdauer zu haben, um die natürliche Entwicklung der Dinge abwarten zu können und den Dingen die Zeit zu lassen, die sie brauchen. Geduld bedeutet, die zeitliche Dauer eines Prozesses anzuerkennen und zu akzeptieren, dass es nun genau so ist, wie es ist. Man kann die Karotten nicht schneller wachsen machen, indem man an ihnen zieht.

Die Kraft der Geduld

Geduld zu kultivieren birgt die große Kraft in sich, dem gegenwärtigen Moment voll und ganz zu begegnen und aus der Erfahrung damit zu wachsen: „Genau so ist es. Und auch wenn es mir nicht gefällt, genau so ist es.“ Geduld ist die Fähigkeit, Schwierigkeiten anzunehmen, wenn sie kommen, mit einem Gefühl von Stärke, Vertrauen und Würde. Ein Moment voller Geduld kann sehr beruhigend sein, mit Vertrauen in die Natur der Dinge und dass es genau so in Ordnung ist, wie es jetzt gerade ist. Durch die Pflege von Geduld entsteht Raum für Erfahrung und Wachstum.

Der Autor und Meditationslehrer Jack Kornfield sagt: „Eine Tasse voll Wissen, ein Fass voll Liebe, ein Ozean voll Geduld“

So kann ich versuchen, meinen Kindern beizubringen, dass sie sich natürlich auf den Urlaub oder ihre Geburtstage freuen dürfen, aber dass sie dabei das Leben nicht verpassen sollten. Und ich kann beim nächsten Warten auf den verspäteten Zug mich darin üben, die Erfahrung zuzulassen mit Akzeptanz und mehr Gleichmut: So ist es – auch wenn es mir nicht gefällt.

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