Kennst Du die Geschichte von den blinden Weisen und dem Elefanten? Der König schickte seine weisesten Männer aus, um einen Elefanten zu erleben und ihm dann zu beschreiben. Da sie blind waren, erwischte jeder von ihnen nur einen Teil: ein Ohr, den Schwanz, ein Bein, den Rüssel. Diesen Teil des Elefanten hielten sie für die Wahrheit und stritten sich, wie ein Elefant denn nun aussähe: Wie ein Ast, wie ein langer Arm, ein Fächer, eine dicke Säule. Der König erklärte ihnen, dass jeder nur einen Teil der Wahrheit wahrgenommen hatte, seine ganz eigene Wahrheit, und die Weisen schämten sich.

Diese Geschichte wird oft am zweiten Abend des MBSR-Kurses erzählt, wenn es um „Wahrnehmung“ geht. Die Achtsamkeitspraxis möchte uns zu mehr Offenheit veranlassen, zum Beobachten von allem, was da ist. Da geht es nicht nur um den Rüssel, der sich in der Geschichte wie ein Arm anfühlt. Es geht besonders auch um den begleitenden Gedanken: „Genau so ist es.“ Diese starke Identifizierung mit dem, wie wir die Welt sehen, kann oftmals dazu führen, dass unsere Weltsicht in Konflikt kommt mit der Weltsicht eines anderen.

Innere Stimme und Denkmuster

Unsere innere Stimme ist sehr stark. Jeder, der sich schon einmal an einer schweren Aufgabe versucht hat und dessen innerer Kritiker ihm weismachen wollte: „Ich kann das nicht!“ kennt die Überzeugungskraft. Oftmals glauben wir dieser Stimme mehr als anderen. Wenn uns eine Freundin sagt, „Du siehst gut aus!“, dann erwidern wir vielleicht „Ich finde, ich habe Augenringe.“ oder „Sieht man da meinen Bauch nicht zu viel?“. Wir zweifeln oft an der Außenperspektive von anderen und bleiben in unserem kleinen Weltbild stecken, das wir hegen und pflegen und an dem wir uns festhalten – auch wenn wir uns darin eigentlich nicht gefallen. Besonders schwierig ist es da, Komplimente anzunehmen. „Du machst das echt gut!“ wird schon von meinem Jüngsten mit folgenden Worten quittiert: „Das ist doch total leicht!“ (naja, er benutzt gerade eher umgangssprachliche Wörter). Regelmäßig höre ich auch von meiner Tochter: „Ich kann das nicht!“, aber mehr und mehr bemüht sie sich dann, es einfach nochmal zu versuchen. Und meistens klappt es dann. In solchen Momenten ist dann meine innere Stimme sehr stark, die diskutiert, was nun die beste Methode ist, um sie nicht verzweifeln zu lassen, aber ihr die Arbeit und damit das Erfolgserlebnis auch nicht abzunehmen.

Der Weg ist der gleiche wie immer: Ich beobachte, was gerade im Vordergrund steht. Braucht sie jetzt eine Ermutigung, eine Pause, oder doch Hilfe? Dennoch ist jeder Moment für sich spannend, birgt potentiell eine falsche Entscheidung – und das ist auch immer abhängig von meiner Verfassung.

Unsere eigene kleine Wahrheit

Jeder Mensch, ob groß oder klein, hat eine limitierte Perspektive. Wir alle leben in unserer eigenen kleinen Welt, in unserer eigenen kleinen Wahrheit. Wir be- und ver-urteilen Menschen aufgrund von Alter, Aussehen, Kleidung, Ausdrucksweise, Verhalten, etc. Wir bewerten, ob er/sie oder etwas in unsere Welt passt oder nicht. Und dann gehen wir damit entsprechend um.

Achtsamkeit ermöglicht uns, zum Leben zu erwachen, und damit auch zu der Wahrheit, dass wir alle einen Filter vor den Augen haben. Unsere Eltern, Lehrer, Freunde, Lebenssituation werkeln zeitlebens an diesem Filter rum und formen und färben ihn. „Ich bin schüchtern.“ war lange Zeit einer meiner Hauptfilter, der mich sehr einschränkte und mir neue Wege und wichtige Erfahrungen verwehrte. Wie ich von mir dachte, so war ich auch, denn „Wie wir die Welt sehen, ist sie auch für uns“. Erst durch die Achtsamkeitspraxis konnte ich erkennen, dass meine erlernte Schüchternheit nur ein winziger Teil meiner Wahrheit war, nur ein Gedanke, den ich aber in Stein gemeißelt hatte. Dieses Denkmuster zu erkennen und loszulassen war ungemein befreiend und öffnete mir das Tor zur Welt. Noch immer ist es nicht einfach, auf fremde Menschen zuzugehen, aber ich kann die alten Impulse und Denkmuster erkennen – und ihnen dann bewusst nicht folgen und einfach sehen, was passiert, wenn ich einen anderen Weg wähle. Einfach nur beobachten, ruhig, offen und freundlich.

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