Akzeptanz

November 2017
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Täglich laufen die Kinder und ich mehrmals an einem Haushinterhof vorbei, das auf einer kleinen Fläche mit Steinen ausgelegt ist und von einem großen Hund bewohnt wird. Es gibt nicht viel Abwechslung für das Tier, auch der Auslauf hält sich in Grenzen, und so stürzt er sich mit Gebell auf alles, was in sein Blickfeld gerät.

Automatischer Fluchtreflex

Ich erinnere mich daran, dass wir in den ersten Tagen zu Tode erschraken, denn es kam wie aus dem Nichts und aktivierte den instinktiven Flucht-Reflex. Ich schrie leise auf, mein Herz raste, der Atem wurde flach und schnell, mein Körper machte einen Satz zur Seite. Anschließend ein erleichtertes und etwas beschämtes Lachen und der Gedanke: „Es ist doch nur ein Hund hinter Gittern. Da kann nichts passieren.“ Die Kinder waren natürlich ebenso erschrocken. Die nachfolgenden sieben Male etwa geschah genau das Gleiche, und besonders wenn meine Gedanken überall waren nur nicht beim gegenwärtigen Gehen, dann war ich auf diese Begegnung überhaupt nicht vorbereitet – und mein Körper machte wieder, was er wollte. Der primitive Teil des Gehirns, das Bedrohungssystem, springt also einfach an, ohne dass ich darüber Kontrolle habe, und löst all diese Körperreaktionen und Flucht- oder Angriffsgedanken aus.

Interessanterweise konnte ich aber zunehmend die Gedankenströme beobachten. „Nicht schon wieder!“ „Warum können sie den Hund denn nicht mal hineinlassen?“ „Das arme Tier, so wenig Auslauf!“ „Grrrr!“, und zuletzt sagte ich laut zum Hund: „Du kennst mich doch mittlerweile, jetzt beruhige dich!“

Erkennen

Diese letzte laute Äußerung bewirkte eine Verschiebung in meiner Wahrnehmung, als mir klar wurde, wie sinnlos es ist, mit einem Hund und seinen Instinkten diskutieren zu wollen. Auch wurde mich nur zu deutlich, dass ich andere Wesen (Menschen und Tiere), Situationen und Ereignisse in keiner Weise beeinflussen oder ändern kann, wie sehr ich mir das auch wünschen mag. Das einzige, auf das ich Einfluss habe, das bin ich: meine Antwort und mein Verhalten auf das, was auch immer geschehen mag.

Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass meine Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen dennoch automatisch ablaufen und ich diese aber mit etwas Übung zunehmend wahrnehmen kann – und mich dann entscheiden kann, was ich damit anfange.

Pema Chödrön nennt diesen Vorgang „getting hooked“ (shenpa), also durch einen Auslöser in eine automatische Reaktion hineingezogen werden, sein Herz verschließen und mit Angriff oder Flucht reagieren. Die Lösung ist nicht, diesen Auslöser loszuwerden, denn das ist nicht möglich. Es geht darum, diese Reaktion des „Am Haken“-Seins zu erkennen, eine Pause zu machen und dann eine alternative Antwort zu wählen.

Aus der gegenwärtigen Situation heraus zur bewussten Antwort

Diese alltäglichen und oft wiederkehrenden Situationen sind tatsächlich unendlich wertvoll, um die eigenen Verhaltensmuster kennenzulernen und sie schließlich zu durchbrechen. Es bieten sich unzählige Möglichkeiten, nicht dem ersten Impuls zu folgen und Dinge oder Menschen zu ver- oder beurteilen, über die man ohnehin keine Kontrolle hat. Was ich im Kleinen – und in der Meditation beispielsweise – üben kann, wird mir in schwierigen Situationen einfacher zur Verfügung stehen und es mir erlauben, eine bewusste Wahl zu treffen bei den großen und kleinen Hindernissen im Leben.

Daher bin ich dankbar für diese tägliche Übungssituation, in der ich mich und mein Sein und Handeln in aller Ruhe studieren und üben kann.

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