Sobald die Kinder anfangen, „warum?“ zu fragen, ist ein wichtiger Entwicklungsschritt sichtbar. Die älteren unter uns werden sich auch noch an den Klassikerfilm „Ronja Räubertochter“ erinnern, als die Rumpelwichte fragen: „Wiesu denn bluuus?“ Oder der Refrain eines Kinderliedes: „wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt, bleibt dumm“. Wir lieben es, Dinge zu verstehen – und sind frustriert, wenn es keine Antwort gibt.
Die richtigen Fragen
In der Achtsamkeitspraxis aber geht es um anderes.
Es geht um das WIE. Wie fühlt es sich gerade an, diese Müdigkeit? Wie fühlt es sich gerade, dieser Druck im Bauch? Wie fühlt es sich gerade an, sich gehetzt zu fühlen? Wie fühlt es sich gerade an, kritisiert worden zu sein?
Es geht auch um das WO. Wo spüre ich das Kribbeln, hat es klare Kanten oder ist es irgendwie im ganzen Bauch? Wo sitzt das Kopfweh und bewegt es sich nicht gerade von der linken Schläfe in Richtung der rechten? Und dann werden die Fragen verknüpft: das wandernde Kopfweh, wie fühlt es sich an? Ist es stechend oder pochend, ist es punktuell oder eher eine Fläche?
Es geht auch um das WAS. Was ist da? Welche Geräusche kann ich gerade wahrnehmen? Was sehe ich gerade? Was rieche ich und was fühle ich auf meiner Haut? Was ist das für ein Geschmack im Mund? Und was für ein Gedanke wandert gerade durch meinen Geist, hervorgerufen durch das laute Geräusch? Und dann verbindet sich wieder alles: Die Nachricht, die ich gerade mit meinen Augen als Schlagzeile lese, was löst sie in mir aus? Wie spüre ich die Verkrampfung im Körper? Wo spüre ich sie? Was folgt dann aus dieser Wahrnehmung?
Und es geht um das WANN, wobei die Antwort hier ganz einfach ist: jetzt. Immer jetzt. In der Achtsamkeitspraxis geschieht immer alles jetzt. Selbst der Gedanke an die Zukunft findet jetzt statt.
Eine Frage, die wir Menschen sehr häufig stellen, hat in der Achtsamkeitspraxis jedoch nichts zu suchen: WARUM. Warum bin ich gerade so genervt? Warum kann die andere Person mir einfach nicht zuhören? Warum habe ich schon wieder Kopfschmerzen? Warum regnet es jetzt, es war doch Sonne angekündigt? Und warum nur hänge ich abends am Handy, anstatt ein Buch zu lesen?
WARUM führt in den Kopf
Sobald wir „warum?“ fragen, springt der Kopf an und wir geraten in die Analyse. Wir möchten verstehen, einordnen, nachvollziehen und irgendwie einen Schuldigen oder zumindest einen Grund finden für das, was gerade passiert. All das in der Illusion, wenn wir etwas nur verstehen könnten, dann könnten wir es irgendwie kontrollieren, beim nächsten Mal verhindern oder eine klare Antwort darauf finden. Sobald wir aber im Kopf und in den Gedanken sind, sind wir weg aus dem Körper und aus dem Erfahren der Gegenwart, aus dem, was jetzt gerade da ist.
Warum ist das ein Problem? Wenn ich mir beispielsweise den Kopf zerbreche, weshalb ich jetzt schon wieder Kopfschmerzen habe, fühle ich nicht ordentlich hinein und kann feststellen: ist es ein Müdigkeitskopfschmerz oder ein Spannungskopfschmerz, ein migräneartiger Kopfschmerz oder ein „das Trinken vergessen“-Kopfschmerz.I ch kann mich also nicht gut um mich und um die gegenwärtige Erfahrung kümmern. Wenn ich versuche zu verstehen, warum meine Tochter wieder mal ihr Handtuch nicht aufgehängt hat, bleibe ich in der Frustration hängen – und eigentlich weiß ich ja die Antwort: vergessen, nicht wichtig genug, an anderes gedacht, etc. Ich bin dann aber völlig im Denken und Bewerten und kümmere mich überhaupt nicht um das Gefühl der Genervtheit und Frustration, das eigentlich Aufmerksamkeit und ein gesundes Ventil bräuchte. Wer Kinder hat, der kennt diese eigentlich unsinnigen Eltern-Fragen: „Warum hast du x gemacht und nicht y?“, „Warum hast du nicht nachgefragt, bevor du das gemacht hast?“, „Warum hast du nicht ordentlicher für die Mathearbeit gelernt?“ und so weiter. Um ehrlich zu sein, erwarten wir Eltern aus irgendeinem unerfindlichen Grund als Antwort ein zerknirschtes Kindergesicht und die Aussage: „Weil ich zu faul, desinteressiert, leichtsinnig, egoistisch, etc. war. Es tut mir leid und es kommt auch nicht wieder vor. Ja, du hattest recht.“ Was für ein Blödsinn! Keiner denkt das und keiner sagt das. Wir ja auch nicht! Und trotzdem erwarten wir tatsächlich eine ehrliche Antwort auf unsere „warum?“-Fragen. Oft steht hinter der Frage auch ein Vorwurf, nicht selten schon spürbar im Tonfall oder in der Mimik. Ich weiß, wovon ich spreche, zu oft rutscht es mir auch heraus, wie kürzlich: „Warum könnt ihr beide nicht mal die Zähne putzen, ohne Quatsch zu machen und das ganze Badezimmer vollzuspritzen?“ In unserer Familie gab es eine Zeitlang einen running gag, als mein Sohn anfing, auf „warum?“-Fragen mit einem verschmitzten „weil!“ zu antworten. Das machte die Absurdität noch etwas deutlicher.
Sei aufmerksam, wann dir eine „warum“-Frage auf der Zunge liegt und schau mal, ob du nicht lieber fragen kannst, WIE es gerade für dich ist, WAS du gerade denkst, fühlst oder empfindest, und WO im Körper es wahrzunehmen ist. Die Informationen auf diese Fragen sind ungemein wertvoller, aussagekräftiger und wichtiger für den weiteren Verlauf deines gegenwärtigen Lebens als jedes einzelne „warum?“.



