Eine unserer menschlichen Grundfunktionen im Gehirn ist die sogenannten Negativitätstendenz. Das ist eine biologische Entwicklung, die entstanden ist aus der Notwendigkeit, potenzielle Gefahren zu antizipieren und im besten Fall zu vermeiden. Das menschliche Gehirn ist gebaut, um zu überleben. Um zu überleben, muss es mir nicht gut gehen. Um zu überleben, muss ich die Gefahrenquellen meines Lebens möglichst gut kennen und alles dafür tun, diese zu beseitigen. Das allgemeine Wohlbefinden beginnt erst danach und ist biologisch gesehen eine Option, keine Notwendigkeit.
Negativitätstendenz,eine biologische Notwendigkeit
Somit scannt das Gehirn nonstop die Umgebung und gibt Rückmeldung an das Nervensystem: „Alles ok, entspann dich.“ oder eben „Oh, pass auf. Gefahr in Verzug. Schau mal, wie der da hinten dich gerade anschaut…“ Für unsere Vorfahren machte es Sinn, beim kleinsten Rascheln im Busch zusammenzuzucken, es könnte ja eine tödliche Schlange sein. Oder sich abends zu überlegen, weshalb die Ausbeute heute nicht gut genug war und was morgen besser gemacht werden muss, damit der Stamm nicht Hunger leidet. In unserer heutigen Welt lauern weder giftige Tiere hinter jedem Stein oder Baum, noch will uns der Nachbar die Höhle wegnehmen – er hat seine eigene. Das primitive Stammhirn aber weiß das nicht. Für dies ist es immer noch wie früher. Aufpassen! Und so springt bei jeder Kleinigkeit die Negativitätstendenz an und zieht die gesamte Aufmerksamkeit auf das, was gerade nicht gut ist oder potenziell gefährlich werden könnte. Vom nagenden Kopfkino abends im Bett über „das Zimmer mal wieder nicht aufgeräumt!“ bis zu „Was denken die nur von mir, wenn ich morgen nicht pünktlich um 8 Uhr da bin?“ Kurz: etwas klappt nicht nach unseren Wünschen und wir hängen fest in der Negativspirale. Erkennbar an den Worten „immer“ und „nie“. Forscher sagen, der Mensch brauche fünf positive Ereignisse, um ein negatives auszugleichen, andere sprechen gar von einem Verhältnis 7:1. Und mal ehrlich: wenn 10 Leute ein Feedback geben zu einem Vortrag, welcher Kommentar bleibt im Gedächtnis? Nicht die 7-8 positiven Bemerkungen, sondern dieser eine Beitrag, in welchem es hieß: „Was für ein Riesenblödsinn, das ganze!“
Wahrnehmen und dem Impuls nicht folgen
Allein das Wissen darum verändert oft schon einiges. Kürzlich war ich mit meinem Mann in einem Musical. Die Schauspieler waren engagiert und hatten wirklich grandiose Stimmen, die Live-Musik war toll, das Bühnenbild kreativ und passend, die Stimmung wunderbar, die Show war sehr kurzweilig. Auf dem Nachhauseweg bemerkte ich den Impuls zu sagen: „Die Erzählerin fand ich etwas langweilig.“ Trotz all der Jahre Achtsamkeitspraxis ist die Negativitätstendenz immer noch stark und ein kritischer Teil ständig wach. Aber genau wegen all der Jahre Achtsamkeitspraxis konnte ich den Gedanken bemerken und ihn nicht aussprechen, denn das hätte dem Stück nicht genüge getan. Es war nämlich wirklich zu 95% sehr gut, nur die Rolle der Erzählerin blieb hinter meinen Erwartungen zurück. Und das ist essenziell, um die Achtsamkeitspraxis richtig zu verstehen: Wir können unser Gehirn nicht grundlegend verändern und wir können das Bewerten und Kategorisieren nicht abstellen. Wir können nur lernen zu bemerken, was da gerade vor sich geht und uns dann selbst entscheiden, ob das Urteil mehr Raum bekommen soll und durch eine Handlung oder Äußerung verstärkt wird – oder eben nur ein Gedanke bleibt. Darin liegt dieKraft der Achtsamkeitspraxis: wissen, was gerade da ist. Und dann entscheiden, welche Handlung daraus folgt.
Ja. Und?
Das ist ein Weg, um mit Schwierigkeiten oder negativen Erfahrungen umzugehen: Sie wahrnehmen und wieder ziehen lassen. Eine andere Möglichkeit ist die „Ja. Und?“-Methode. Seit einigen Wochen führe ich folgendes Experiment durch: Immer, wenn mein Geist etwas als negativ, falsch, anstrengend, schmerzhaft, schwierig bewertet, nehme ich das zunächst einmal wahr. „Ja, so ist es gerade. Ja, das ist Teil meines Lebens.“ Akzeptanz der Realität, dass das Leben manchmal so ist. Danach folgt der zweite Schritt: Ich stelle mir die Frage: „Und was ist sonst noch da?“ Und dann suche ich bewusst nach mindestens zwei Dingen, die gerade angenehm, positiv, wertvoll, nicht schmerzhaft sind. Ein Beispiel: jetzt gerade bin ich müde von einem Kurs am Vormittag, ich habe leichtes Kopfweh und insgesamt zu wenig geschlafen. Und nun das bewusste Fokussieren auf angenehme Dinge: alle Familienmitglieder sind gerade aus dem Haus und es ist so wunderbar ruhig. Der Kaffee, den ich nebenher trinke, schmeckt gut. Ich freue mich gleich auf Buchlesen auf dem Sofa. Und ich nehme mir später etwas Zeit, um ein Staffelfinale anzusehen. – JA: Das Kopfweh ist nicht weg, die Müdigkeit steckt mir weiterhin im Körper. UND: Es gibt gerade jetzt, also gleichzeitig, vieles, was mich dankbar und froh sein lässt.
Alles darfsein, auch gleichzeitig.
Es ist so wichtig, nichts auszuschließen oder wegzudrücken. Daher ist das „ja“ zum Leben so essenziell, auch wenn die Situation oder die Erfahrung gerade sehr schmerzhaft ist. Das „und“ sollte auch nicht mit Erwartungen verbunden sein, dass es einem nach der Übung irgendwie besser geht oder man sich insgesamt irgendwie anders fühlt. Was mich antreibt, das ist die Neugierde, das Vertrauen in den Prozess und der Willen, das Ruder in die Hand zu nehmen, auch und besonders wenn es gerade schwer ist. Ich werde dieses Experiment noch eine ganze Weile weiterführen und einfach mal sehen, wohin es mich führt. Vielleicht magst du etwas ähnliches ausprobieren?



